Glossen

Felix Krulls Enkel

In den 90er Jahren, kurz nach der Großen friedlichen Implosion, wurden ziemlich schnell alle interessanten oder auch gut dotierten Posten hierzulande an Hochschulen, in Ämtern, Verwaltungen, Museen usw. von Menschen besetzt, die in der alten BRD keine Chance hatten. Und ich habe mich gewundert, was man laut Kurzbiographien in kürzester Zeit alles auf einmal studieren kann: Philosophie, Geschichte, Literaturwissenschaft, Pädagogik, Sprachen, Volkswirtschaft, Medienwissenschaften, Philologie, etwa. Normale Studenten kämen da mit 12 oder 20 Studienjahren gerade so hin. Nicht so diese Großartigen. Die haben oftmals auch Doktortitel. Erfundene, gekaufte, getürkte z.B. Titel sind wichtig geworden wie im Kaiserreich.

Wenn ich mir meine alten Studienpläne ansehe, dann hätte ich auch wie jene Wichtigen,  neben Germanistik/Diplom, etwa Alt-, Mittel- und Frühneuhochdeutsch, Sprachtheorie, Sport, Latein, Englisch, Russisch, Geschichte, Philosophiegeschichte, Handschriftenkunde, Politische Ökonomie, Dramatik, Lyrik, Epik, Pädagogik, Psychologie usw. studiert. Hab ich aber nicht, das alles gehörte zum Germanistikstudium.

Die erwähnten Großartigen jedoch zählen jeden Kurs auf, in den sie mal hineingerochen haben, und nennen es Studium.

Man muß auffallen und wichtig erscheinen.

Inzwischen haben das auch ehemalige Studenten der Leipziger Universität mitbekommen, vor allem die gelernten Lehrer. Für den Lehrerberuf in verschiedensten Fachkombinationen – Deutsch-Geschichte, Deutsch-Englisch, Deutsch-Musik usw. – scheint man sich inzwischen zu schämen. So nennen sie sich immer öfter »Literaturwissenschaftler«, »Anglisten«, »Sprachwissenschaftler«, »Musikwissenschaftler«, »Historiker«, »Germanisten« in der Öffentlichkeit. Peinlich … Wissen und Können haben dadurch allerdings nicht an Substanz gewonnen.

Der schöne Schein …

»Wende«-Glossen

(Mitte 1990er Jahre, Leipziger Stadtteilzeitungen)

Moni’s Fäkalien – Studio

Dem Herbert seine Verwandtschaft, die steigt jetzt auch endlich ein in die Marktwirtschaft. Ist ja sonst auch nicht viel los, in dem Nest. Und immer nur an dem Imbißwagen rumstehn. Ne. Der heißt übrigens »Norbert’s Hott-Dogg-Studio«. Gleich neben Kleinschmidt Kurdl’n seiner Wellensittich-Bude, die sich jetzt »Zoologisches Institut und Vogel-Shop« nennt. Ja, die Welt der Geschäfte verlangt schon Wendigkeit in der Sprache.

Nur die Branche, in die Herberten seine Verwandtschaft jetzt einsteigt, die ist ein bißchen delikat. Jetzt machen die nun endlich wieder auf. Die Betriebsräume standen ja auch jahrelang leer. Weil der Abfluß immer verstopft war. Und das ganze Geschäft spielte sich dann draußen ab. Was da für Kapital weggeflossen ist. Die müssen da schon was investieren. Viel Kopf erst mal und Marketing, wie der Fachmann sagt. Nur, was die neidischen Nachbarn denen als Werbeslogan vorschlagen, das find’ ich gehässig: »Iß niemals gelben Schnee«. Fies ist das. Aber die haben schon selber einen schönen Namen für die Pachttoilette gefunden: »Monis Fäkalien-Studio«.

Das Fernsehen

Also manchmal, da muß man sich doch sehr wundern über die anderen Völker. Was man so im Fernsehen sieht, das ist doch oft auch die Wahrheit, und da kann man so manches erfahren und so. Auch durch die Werbung. Da muß ja was dran sein, ein Bedarf sozusagen, sonst würden die’s ja nicht machen. Was die grade jetzt in der Osterzeit für lauter Cremes gegen Falten anbieten!

Also die Leute, dort wo das Fernsehen herkommt, also die müssen ganz grauenhaft runzlig aussehen. Und die scheinen sich auch nicht richtig zu waschen, wenn ich da an die Massen von Seife und Duschgels denke, die man denen fast händeringend nahelegt! Aber die gehn wahrscheinlich nur den ganzen Tag in ihren furchtbar kratzigen Pullovern und drücken sich meistens in Kneipen rum und saufen alles durcheinander, damit die ihre grauenhaft dreckigen Wohnungen nicht sehn müssen mit den ekelhaft verkalkten Kaffeemaschinen und dem verkeimten Geschirr.

Nur die Mütter, die müssen immer nur lachen mit ihren schrecklich weißen Gebissen, auch wenn der Alte ständig mit fleckigen Hemden nach Hause kommt und immer noch keine neue Versicherung hat.

Ich weiß ja nicht. Und ein bißchen froh bin ich auch, daß ich nicht dahin fahren muß.

Das gemeine Ossi

– Eine zoologische Betrachtung –

Wir begegnen ihm oft in der rauhen und ehrlichen Natur. Der scheue, flackernde Blick bei der Nahrungssuche verrät noch nichts über seine wahren Absichten. Meist folgt er in gebührendem Abstand dem glänzenderen Wessi, trägt klaglos dessen Atzung und technische Hilfmittel wie das kiloschwere C-Netz-Telefon, mit dem Ziel, irgendwann auch mal an der Spitze zu schnüren. Neben der Rangfolge kann man es zweifelsfrei erkennen an der mit den Jahreszeiten wechselnden Fellfärbung: Vom Quittegelb über Zinnoberrot bis quergestreift und auffallend kariert. Wie sein Herrchen. Dieses Ossi ist in seiner servilen Spezies ein Meister der Mimikry.

Die Lautgebung beschränkt sich somit auf reviermarkierende wie leise balzende Über-Töne. Die körperliche Erscheinung ist dann entsprechend: Das Fellchen bläht sich auf, der Kamm schwillt, die Laute werden sonor und unerträglich, solange, bis der Rivale, zumeist von der gleichen Art, klein beigibt. Dann fällt, hinter dem Bau, das balzende Ossi in sich zusammen.

Das Hirn dieser durch natürliche Auslese entstanden Spezies des Ossi ist relativ klein; es könnte es auch nicht brauchen, denn die Mehrheit der Reflexe läuft über das gekrümmte Rückenmark.

Manchmal aber wird das gemeine Ossi traurig. Wenn man ihm seine gestohlenen Wintervorräte wegnimmt, seinen okkupierten Bau oder gar seine Mimikry. Dann möchte das gemeine Ossi sein wie jedes andere Ossi und weiß von nichts. Aber man erkennt es an seinem stumpf gewordenen Fellchen und seinen langen roten Ohren. Das ist aber keine Scham. Die kennt man nicht im Tierreich.

Das Wessi mit dem langen Mantel

– Eine philosophische Betrachtung –

Fallen Ihnen auch diese Herren gelegentlich auf? Langer Mantel bis zu den Fersen, darunter ein kanariengelbes Jackett; das Hemd, ein blaugestreiftes mit blütenweißem Kragen. So, wie mein Fleischer es früher trug. Diese Uniformierten sind eingefallen in langen Kolonnen. Die bunten Herren kommen zumeist aus südlichen deutschen Landen und haben es nicht leicht. Ich muß es wissen, denn ein Langer Mantel wohnt neben mir. Wenn er dienstags einfliegt und seine Leiharbeitstätigkeit im Nachkriegsgebiet beginnt, hat er schon Unangenehmes hinter sich: Der skandalöse Service der Fluggesellschaft und das Essen im Westen, das ihm wieder die Pickel ins Gesicht getrieben hat.

Hier muß er sich wieder auf Handgebackenes umstellen. Streß. Und da donnerstags der Flieger wieder heimwärts fliegert, laufen die entsprechenden Vorbereitungen schon mittwochs wieder an. Streß. Für die paar tausend Mark!

Dazwischen sammelt sich das Wessi in einschlägigen Restaurants. Dort muß man möglichst laut reden, um wichtig zu sein, und man muß über Steuertricks, Anlagen, Dividende und das zurückgebliebene Ossi reden, und daß der auch mal richtig arbeiten lernen soll. Streß.

Ich bedauere meinen Nachbarn also heftig, wenn er mal zu mir kommt auf ein Ostbier. Das tut ihm gut. Neulich wollte er mir für eine halbe Million großartige Firmenanteile verkaufen. Das Problem: Es waren nicht seine, ich hatte kein Geld und ich wollte sie nicht. Nach dem dritten Bier lag er mir weinend an der Brust: Vom Vater verstoßen, von Frau und Kindern verlassen, Firma pleite, und Pickel. Da blieb nur noch der Osten. Ich hab ihm gesagt, er soll mal ein bißchen leben, zum Beispiel angeln gehn oder einfach lesen auf dem Sofa, und auch mit seinen 6000 Mark Gehalt könne man sich doch über Wasser halten. Da hat er vor Freude geweint.

Aber auffallen darf er nicht unter seinesgleichen. Kumpels kennt man dort nicht. So versteckt er sich wieder hinter seinen großen, leeren Reden und seiner Uniform: Langer Mantel, kanariengelbes Jackett, chemische Bräune, um die Pickel zu vertuschen.

Aus der Serie: Heldenstädter

Ich bin stolz, in einer Heldenstadt zu wohnen. 500.000 Verfolgte, Widerstandskämpfer und Märtyrer. Wo hat man das sonst? In meinem Haus etwa wohnen inzwischen fast nur Märtyrer. Die kenn’ ich seit 20 Jahren.

Wie ich jetzt erfuhr, ist auch Locke, der ehemalige Gewerkschaftsvertrauensmann und Arbeiterdichter aus dem 2. Stock, ein Verfolgter. Als ich damals vor den Staatshunden weggerannt bin an der Thomaskirche am 7. Oktober, da hat er zwar grad mal keine Zeit gehabt, sagt er. Aber im Januar dann, sagt er, hat er gewaltig demonstriert für die Vereinnahmung oder so, da kann er sich gut dran erinnern. Und suspekt war ihm dieses rötliche Land schon immer. Das hat er kundgetan, indem er nur weiße Unterhosen getragen hat, und Aktivist ist er jedes Jahr nur mit Schaudern geworden. Bis zur Wende!

Dafür ist er jetzt anerkannter verfolgter Herbstlaub-Sammler bei der Stadtreinigung (als ABMer). Er hat ja auch keinem so richtig geschadet. Das muß man auch mal sehn.

Sein Traum ist eine Würstchenbude in der Freien Marktwirtschaft auf dem hiesigen Revolutionsplatz. Wird er schaffen, denk’ ich. Er hat ja nun auch einen häßlichen Schlips mit Krawattennadel und einen weniger großen Wortschatz. Und der Horizont ist dort auch nicht so unerträglich weit.

Der Spätzle

Also, mein neuer Nachbar, der Kurd, was ein Spätzle aus dem Süddeutschen ist, also so verkehrt ist der nicht. Der trinkt nur dünnen indischen Tee und steht ständig auf dem Kopf. Dem seine Füße sind ja auch so schwach vom vielen Körnerfressen.

Der hat mal bei einem indischen Yokurd oder Yoki oder so gelernt, sagt er. Und seitdem glaubt er an die Wiedergeburt. Der war schon mal eine Blume und auch ein Eichhörnchen, und das nächste Mal will er gern Vogel werden. Vor allem im Frühling. Aber sonst ist der in Ordnung. Und da hab’ ich mit dem lange diskutiert, wegen Bildung und so.

Was wird denn, wenn er als Vogel in früher Jugend als Ei in die Pfanne gehauen wird? Da ist er nachdenklich geworden. Und ich auch. Wenn der nun Recht hat? Und zum Beispiel mein seliger Sportlehrer wieder auftaucht? Als Gerstensaft oder im Eisbein? Und ich Trottel füttere auch noch jeden Tag die Tauben auf dem Balkon!

Das ist ein großes Geheimnis. Und auch der Yokurd.

Der Helmut

Die Leni, was von dem Herbert seinem Kusseng, der mit dem einen Arm auf der rechten Seite, also was von dem die Schwiegermutter ist; die Leni sagt:

»Ich glaube nicht mehr an die! Erst haben die einem gesagt, nimm ein Ei mehr, und heute soll da Scholesterin oder sowas drin sein, und wenn ich die Eier aufschlage, ist das immer noch Dotter! Aber vielleicht wohnt da der Rinderwahn und die Salmoniden und wie die alle heißen. Das sagen die uns nicht! Die schlagen sich nur die Taschen voll und sind ganz nersch nach der Macht, die Politiker. Nein, den Helmut wähle ich nicht mehr, auch wenn der so schöne Augen hat wie mein Vatl die auch mal hatte. Soll’n die mich mal mit ihrer NATO und der ganzen Körnerfresserei. Ich bin doch auch wer!«.

Da habe ich zu Leni gesagt: Leni, hab ich gesagt, aber du mußt doch gar nicht an die glauben, das ist doch nicht so wie der Aufschwung oder deine Diät! Da kann dich doch niemand dazu zwingen, kann man nicht! Die kriegt man doch sowieso nicht weg!

Na gut, hat da die Leni gesagt, da wähl ich eben den Helmut wieder.

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