»Verborgene Zeichen« – Das Völkerschlachtdenkmal, die Freimaurer und die Legenden ©

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Seit Jahrzehnten verbreiten »Geheimnisaufklärer« sagenhafte Geschichten über das Leipziger Völkerschlachtdenkmal: ein »Testament der Freimaurer« soll es sein, ein »Tempel für Tod und Freiheit«, ein »Freimaurer-Tempel« gar. Die Tatsachen sind weniger spektakulär:

Clemens Thieme, der Erbauer des Denkmals, war Freimaurer in der Leipziger Loge »Apollo« im Meistergrad, nicht »hammerführender Logen-« oder »Altlogenmeister«. Im Kreis der Bruderschaft entstanden unter seiner Federführung die Ideen und Gestaltungselemente für die Umsetzung der Denkmalsidee, hundert Jahre nach dem Sieg über die napoleonische Bedrückung.

Freimaurerisches floß ein auf der Ebene der Symbolik – »Heimlichkeiten«, wie es Freimaurer Lessing nannte. Die Bildsprache der freimaurerischen »Hochgrade«, jenseits der bekannten Winkel und Zirkel etc., die auch den meisten »normalen« Freimaurern nicht geläufig war und ist, unterstreicht den humanistischen Anspruch und Charakter des Bauwerks.

Diese freimaurerische Komponente ist aber für eine profane Deutung entbehrlich. Das Monument ist als symbolische Trauerstätte für mehr als 100.000 Opfer, als Erinnerung an »das Werden des deutschen Volkes« nach Jahrhunderten der Zersplitterung, nach sieben Jahren napoleonischer Fremdherrschaft und der furchtbaren Folge von Schlachten 1813 unter Beteiligung zahlreicher europäischer Mächte, zu verstehen. »Kommenden Geschlechtern ein Mahnzeichen« sollte es sein.

Clemens Thieme und seine Mitstreiter in der Loge »Apollo« haben im »Deutschen Patriotenbund« selbstverständlich ihre alten, aufklärerischen, freimaurerisch-humanistischen Ideale von Toleranz, Menschenwürde und gegenseitiger Achtung mit Hilfe der freimaurerischen Symbol- und Formensprache in den Bau eingebracht. Außerhalb wußte kaum jemand, daß sie Freimaurer waren. Alle Schichten und Gruppierungen sollten für die Denkmalsidee angesprochen und gewonnen werden: Schüler, Lehrer und Gesangsvereine; Kriegsveteranen, Turner und humanistische Burschenschaften, Apothekerverbände und Fabrikarbeiter, jedermann. Eine Offenlegung dieser ausdrücklich nicht »im Geheimen wirkenden Gemeinschaft der Brüder« als Initiator und ideeller Bauherr hätte das Bauwerk sicherlich unmöglich gemacht. Insofern ist es mehr als schlicht gedacht zu fragen, warum von den »listigen Brüdern« nirgends zu lesen war, weder in »Sitzungsprotokollen« noch in »zeitgenössischen Presseartikeln«. »Hammerführender Meister« in seiner Loge war Thieme allerdings nie. Man könnte sich auch kundig machen …

Kommt man über die große Freitreppe auf das Plateau vor dem als Erzengel ausgewiesenen SANCT MICHAEL, steht man zuerst vor einer kleinen unscheinbaren Tür, heute tatsächlich ein Eingang. Dieser Zugang war seit der Denkmalsweihe bis vor wenigen Jahren mit drei großen, unbehauenen »rauhen« Steinblöcken verschlossen.

Hatte ein Lehrling vielleicht vergessen, die Blöcke wegzuräumen …? Das kann auch ein Außenstehender kaum ernsthaft in Erwägung ziehen.

Also muß ein Sinn dahinter stecken: Es ist eine symbolische Tür, nur zu »öffnen«, wenn man das »Wort« kennt. Und das »Wort« kennt man eben nur, wenn man Freimaurer ist und auch noch in den »Hochgraden«. Ungeachtet des bestehenden Denkmalschutzes, ist dieses Türsymbol mit Beschluß der STADT LEIPZIG vom 18.01.2006 brachial durchbrochen worden. Das Kunstwerk Völkerschlachtdenkmal, Kulturerbe der Welt, ist seitdem substantiell beschädigt.

Links und rechts der Tür sind zwei scheinbar verspielte Jugendstilornamente in den Granitporphyr gemeißelt: »j« für Jachin und »b« für Boas. Es sind die Namen von zwei Säulen vor dem Tempel Salomos aus dem Alten Testament, I. Könige, die im freimaurerischen Brauchtum unverzichtbar sind. Die Rituale der Freimaurer leben vor allem von Symbolik und beziehen sich sowohl auf die mittelalterlichen Steinmetzbruderschaften in den symbolischen Graden Lehrling-Geselle-Meister, als auch auf die uralte Natur-Symbolik Licht, Kosmos, Gestirne u.a.m. Ein Löwenrachen umschließt die »Tür«. Darüber wacht Erzengel Sankt Michael aus dem alten Testament mit dem Flammschwert und gebietet Ruhe auf dem Totenfeld. »Zugang« erhält man nur, wenn man das rechte »Wort« kennt, das Paßwort.

In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelten sich die »Hochgrade« oder auch »philosophischen« Grade der Freimaurerei neben den grundlegenden Lehrling – Geselle – Meister: Man nahm die Legenden um die im 14. Jahrhundert verbotenen und verfolgten Tempelritter, die Beschützer Jerusalems und der Pilgerwege, zur Grundlage für weiterführende Freimaurergrade. Auf die Welt der Tempelritter können deshalb die meisten der plastischen Arbeiten, so die Rittermotive, zurückgeführt werden. Ebenso die Tierreliefs Adler, Schlange, Löwe usw. Der gesamte Denkmalskomplex ist bis ins Detail in sich geschlossen unter freimaurerischen Sichtweisen konzipiert und gestaltet. Mehrheitlich geht es um Gedankengut aus dem 13. und 18. Grad*, wie 18 x 18 z.B. die Anzahl von 324 Berittenen im Innern des »Königlichen Gewölbes« ergibt.

12 Ritter in der Denkmalskrone mit »Bijou«
12 Ritter in der Denkmalskrone mit »Bijou«

Außen ist im Hauptsims in Stein die Inschrift eingelassen »18. Oktober 1813«. Es war der opferreichste Tag der Schlacht, ausdrücklich nicht der Tag des Sieges. Das erwähnte Paßwort ziert ebenfalls das Denkmal: »Gott mit uns«, hebräisch: Immanuel; Altes Testament, Jesaja. Unterhalb der Denkmalskrone mit den steinernen Zeichen »TAU« (T) nach vier Himmelsrichtungen halten 12 Ritter mit gesenktem Schwert Friedenswacht. Sie tragen um den Hals an einer Kette ein Medaillon (Kettenglied), so wie die Freimaurer das »Bijou«, ihr Logen-Erkennungszeichen. Die Kette der 12 Wächter symbolisiert die Verbindung der Freimaurer weltweit, »Weltbruderkette« genannt. Und so geht es fort und fort in der für jedermann sichtbaren Symbolik. »Heimlichkeiten« sagt der Freimaurer Lessing, das »offenbare Geheimnis«, sagt Freimaurer Goethe …

* Der 18. Grad des seit 1754 entstandenen »Schottischen Ritus« ist der »Ritter vom Rosenkreuz«, auch »Ritter vom Pelikan« genannt. Mit den Rosenkreuzern, der antiaufklärerischen, katholisch-mysthischen, wirklichen Geheimorganisation hat er nichts zu tun. Vielmehr geht es im freimaurerisch-humanistischen Sinn um Völkerverständigung, wobei sie die »guten Hirten« sein wollen. Zentrale Begriffe sind dabei Glaube, Liebe, Hoffnung; zur Symbolik der »Hochgrade« gehören u.a. Schlange, Adler, Löwe, Kreuz, Rose, Pelikan usw.

© Günter Martin Hempel und Otto Werner Förster, 2013

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