Thomas (David) Theodor Heine

(* 28. Febr. 1867 Leipzig – † 26. Jan. 1948 Stockholm)

Heine, Th
Thomas Theodor Heine. Foto: Stadtarchiv München

Wie man einen Künstler vertreibt

Seine Vaterstadt Leipzig ist dem Maler und Karikaturisten Thomas Theodor Heine nicht eben freundlich in Erinnerung geblieben. Geboren in der Gustav-Adolf-Straße 14 II. (Waldstraßenviertel) als Sohn des mittelständischen jüd. Fabrikanten Isaac Heine – Gummiwarenfabrik Julius Marx, Heine & Co., Reichsstr. 38 – mußte er die Thomasschule besuchen. Dort waren vor allem Großbürgersöhne, nach neuester englischer Mode gekleidet, und das nicht sehr vorteilhaft. Thomas Theodor mußte es wissen; seine Mutter war Engländerin, er selbst kannte das Land. Er machte treffende Karikaturen auf die Gecken, der Schriftsteller Leopold Ritter von Sacher-Masoch aus der Arndtstraße 40 (heute: Grundstück Nr. 26) druckte sie anonym in seiner »illustrirten humoristisch-satyrischen Wochenschrift«, den »Leipziger Pikanten Blättern« – und der Skandal nahm seinen Lauf, zumal die Eltern der Bloßgestellten ihre Söhne wiedererkannten …

Karikatur
Karikatur

Der schriftstellernde Ritter verpfiff Heine, und der wurde aus der Schule geworfen. Natürlich war noch anderes vorgefallen. Miserable Zensuren, auch im Turnen und im Zeichenunterricht, und das Kapitalverbrechen öffentliches Rauchen auf der Grimmaischen Straße. Vater Heine in der Gustav-Adolf-Straße ist das alles furchtbar peinlich. Er schickt den mißratenen Sohn umgehend weit weg, an die Düsseldorfer Kunstakademie. Er hätte es nicht tun sollen, denn fünf Jahre später ist der begabte junge Künstler in München und wird 1892 Mitarbeiter beim berüchtigten Satireblatt »Simplicissimus«. Nicht lange, und er versucht sich an einer Karikatur auf Wilhelm II., deutscher Kaiser von Gottes Gnaden. Eine Anklage wegen Hochverrats folgt.

Die bayerische Polizei nimmt das naturgemäß nicht so tragisch. Wohl aber der eigens entsandte und pingelige preußische Kriminalkommissar, der Belege der Autorschaft Heines findet. Es folgen sofortige Untersuchungshaft in Leipzig als Druckort und ein Hochverratsprozeß, auch gegen den Texter Frank Wedekind. Vater Heine, dem Kaiserfreund, ist die Sache wieder über alle Maßen unangenehm. Er weigert sich, die Kaution für seinen Sohn zu stellen, die er schließlich doch locker macht, nachdem die Münchner Künstler eine Petition schreiben und die Leipziger sich anschließen. Max Klinger zeigt sich demonstrativ mit dem Delinquenten in allen einschlägigen Cafés und Kneipen, vor allem im »Café Merkur« gegenüber der Thomaskirche. Thomas Theodor Heine wird dennoch wegen Majestätsbeleidigung verurteilt, aber »milder«: Ein halbes Jahr Festungshaft auf dem sächsischen Königstein. Keine guten Voraussetzungen, um seine Heimatstadt zu lieben. 1938 flieht er vor den Nazis über die Tschechoslowakei nach Oslo. Thomas Theodor Heine stirbt schließlich 1948 im Exil in Stockholm, nach einer langen Flucht vor den Nationalsozialisten. »Ich warte auf Wunder« heißt sein Roman mit autobiographischen Zügen.

Nicht weit von Heines großem Spielplatz der Kindheit, dem Rosental, steht noch sein Geburtshaus, mit einer Tafel für August Bebel, der 1866 bis 1868 im Dachgeschoß wohnte. Die Gummiwarenfabrik seines Vaters in der Reichsstraße 38 existiert nicht mehr. Und dort, wo der umtriebige Leopold Ritter von Sacher-Masoch wohnte, heutige Arndtstraße 26, stehen Neubauten.

%d Bloggern gefällt das: