»Thomana 2012« – Wie man Jubiläen erfindet …

Ausschnitt aus: Tausend Jahre deutscher Vergangenheit in Quellen heimatlicher Geschichte, hg. von K. Beier und A. Dobritzsch, Einführung von Karl Lamprecht, Bd. I, Leipzig 1911, S. 79 – 82 

Mit dem Datum 20. März 1212 ist eine erhaltene Urkunde des Kaisers Otto IV. ausgestellt, die eine geplante Stiftung eines Augustiner-Chorherrenstifts des Meißner Markgrafen Dietrich in Leipzig bestätigt. In dieser kurz gefaßten lateinischen Urkunde ist lediglich noch vom Hospital St. Georg die Rede. Der Markgraf brauchte die Erlaubnis des Kaisers, da das Gelände wahrscheinlich Reichsgut war, möglicherweise ein ehemaliger Königshof, evtl. mit romanischer Kapelle. Da war von einer Thomaskirche, einer Schule und dem Thomanerchor noch lange nichts zu lesen und zu sehen. Oder haben die Jubiläumserfinder gar Chorknaben und Knabenchor verwechselt …?

Urkunde 1213-1

Die Stiftungsurkunde des Markgrafen Dietrich für ein Augustiner-Chorherrenstift St. Thomas ist aber von 1213, wenn auch eine spätere Fassung. Nichts also mit »800 Jahre Thomaskirche, Thomanerchor, Thomasschule« 2012. Die Marketingmaschinerie war allerdings schon viele Monate zuvor in Gang gesetzt worden und trommelte über alle Medien.Der Autor rief Anfang Januar 2012 im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig an, was das soll. Die Antwort: »Du bist der erste, der’s gemerkt hat …« Das macht zunächst sprachlos. Die auch angefragten, völlig ahnungslosen Stadträte und Kulturamtsangestellten reagierten gar nicht oder wiegelten ab: »Die paar Wochen machen’s auch nicht …«

Das ganze Jahr 2012 feierte die evangelische Thomaskirche also nur die beabsichtigte Gründung eines katholischen Augustiner–Chorherren–Stifts (kein Kloster) durch einen sehr unchristlichen, gewalttätigen, machtbesessenen Markgrafen, der die Herrschaft über diese unverschämt freiheitlich denkende Kaufmannsstadt bekommen wollte.

Ein Beitrag zur »Luther-Dekade« …?

Die Fakten:

Augustiner-Chorherrenstift St. Thomas   

(1212, 20. März: Bestätigung der geplanten Stiftung durch Kaiser Otto IV.)

1213, Urkunde, datiert: 2. Jahreshälfte: Markgraf Dietrich stiftet das Thomaskloster

1213: Beginn des Kirchenbaus über älterer, wahrscheinlich der romanischen ”Markt“-Kirche

• Verzögerung durch Bürgerunruhen in der Stadt, Aufstände gegen den Markgrafen und den Bau
1214: Der erste Probst, Conrad, kommt aus Halle (und wird im Folgejahr wieder vertrieben).

1215: Vom Kirchenbau ist zunächst nur der Chor fertig.

1220/22: Das geistliche Stiftshaus für die Chorherren ist vollendet.
»Vielleicht zu derselben Zeit (1220) oder doch nur einige Jahre später riefen die Chorherren in ihrem Münster eine Schule ins Leben …« Dr. H.O. Zimmermann, 1872, in: Schriften des Vereins für die Geschichte Leipzigs.

1222: Fertigstellung der Kirche

1254, 20. Februar: In einer Urkunde (Urkundenbuch der Stadt Leipzig II, Nr. 17) über Zinszahlungen der Schule an die Kämmerei des Probstes ist die – externe – Schule erstmals urkundlich fixiert

1822: Die Thomaskirche feiert ihr 600. Jubiläum …

1822: Die Thomasschule feiert ihr 600. Jubiläum …

• Vgl.: Urkundenbuch der Stadt Leipzig, Stiftungsurkunden (lat.) von Markgraf Dietrich 1213

• Stichwort in Zedlers Lexikon (um 1748)

• Vogels Annalen u.a.

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