Schiller, die Freimaurer und das Lied »An die Freude« ©

Schiller 1786

Manche herausragende Persönlichkeiten werden von jedem und von jedem System zu eigenen Zwecken vereinnahmt. Natürlich auch Schiller, z.B. mit seinem Lied (keine »Ode«!) »An die Freude«. Den Glanz eines »unsterblichen Meisterwerks« erhielt das Lied vor allem – in stark reduzierter Form – durch Beethovens 9. Sinfonie. Am 7. Mai 1824 war die gefeierte Uraufführung in Wien. Alle 9 Strophen und 9 Chöre dagegen kennen heute die wenigsten.

»… ›Die Freude‹ hingegen ist nach meinem jetzigen Gefühl durchaus fehlerhaft, und ob sie sich gleich durch ein gewisses Feuer der Empfindung empfiehlt, so ist sie doch ein schlechtes Gedicht und bezeichnet eine Stufe der Bildung, die ich durchaus hinter mir lassen mußte, um etwas Ordentliches hervorzubringen. Weil sie aber einem fehlerhaften Geschmack der Zeit entgegenkam, so hat sie die Ehre erhalten, gewissermaßen ein Volksgedicht zu werden. Deine Neigung zu diesem Gedicht mag sich auf die Epoche seiner Entstehung gründen; aber dies gibt ihm auch den einzigen Wert, den es hat, und auch nur für uns und nicht für die Welt noch für die Dichtkunst«.

Das schreibt Friedrich Schiller (geadelt wurde er erst 1802) am 21. Oktober 1800 an den Freund Christian Gottfried Körner in Dresden. Sein Lied An die Freude entstand im Herbst 1785 in Dresden-Loschwitz, als er mit den Freunden, die ihn als »Fanclub« von Leipzig aus eingeladen hatten, endlich zusammen war nach sehr unruhigen Jahren in Mannheim. Sein Vertrag am dortigen Theater war nicht verlängert worden, die Schulden drückten: er hatte kaum noch einen Ausweg gesehen. Christian Gottfried Körner, Sohn des Leipziger Superintendenten, war schon seit 1784 beim Dresdner Oberkonsistorium angestellt, als Schiller in Leipzig eintraf.  Sie sahen sich in seiner Leipziger Zeit nur einmal zu Körners Geburtstag in Kahnsdorf am 2. Juli 1785 und einmal im Garten gegenüber der Pleißenburg zur Hochzeit mit Minna Stock am 7. August 1785. Zeit zur Aussprache gab es kaum. Die kam erst, als Körner ihn nach Dresden einlud und ihn auf ein Jahr »aller Sorgen entheben« wollte. Schiller hatte mit anderen das frische Ehepaar bis Hubertusburg begleitet; auf dem Rückweg fiel er vom Pferd und verstauchte sich die rechte Hand derart, daß er vier Wochen nicht schreiben konnte. Auch kein Lied »An die Freude« … Am 11. Sept. reist er nach Dresden.

Das Lied gibt Schillers Hochstimmung wieder, in diesen Freundeskreis – endlich zusammen mit Körner – aufgenommen zu sein: Ein Gesellschaftslied (von Schiller selbst so bezeichnet), auch ein Trinklied, und hier schäumt dazu noch einmal ungebremst der »Fürsten-Schreck« auf (s. Die Räuber), der Ankläger, der rebellische Rufer nach Brüderlichkeit aller Menschen gegen die Standestrennung, die Anmaßungen des Adels, die Ungerechtigkeiten: Die große Mehrheit arbeitet für den Wohlstand einer kleinen Kaste …

»Bruder« und »Brüderlichkeit« waren Mode- und Schlagworte der Zeit und hatten nichts mit Freimaurerei zu tun. Es lag mit einiger Notwendigkeit und Berechtigung in der Luft. Vier Jahre später brach die Französische Revolution aus. Neben Begeisterung und heftiger Kritik zu Lebzeiten Schillers animierte das Gedicht die Zeitgenossen auch zu Parodien, etwa einem »Morgengebet der Madame S. und ihrer Kleinen« in einem Berliner Wochenblatt:

»… In der Camera obscura von Berlin (einem niederträchtigen Wochenblatt) ist Ihr Lied an die Freude parodiert und den bekanntesten Freudenmädchen in den Munde gelegt: Wir umarmen Millionen / unsern Kuß der ganzen Welt …« (Wilhelm von Humboldt an Schiller, 4. August 1795)

Gedichte mit ähnlicher Thematik und gleichem Titel gab es zudem schon Dutzende. Es tauchte auch bald in vielen Liederbüchern der Freimaurer auf. Ein Freimaurer-Gedicht war es allerdings nie, wie auch Schiller nie Freimaurer war.

»Ich bin weder Freimaurer noch Illuminat …«, schreibt er in seinen »Briefen über Don Carlos«. Da war er schon mehrmals vergeblich geworben worden.

Das hält die Brüder der Freimaurerlogen allerdings nicht davon ab, Schiller für sich zu vereinnahmen. Solche Namen hätte man auch gern in den eigenen Reihen, weil der traurige Zustand der heutigen Freimaurerei keine Persönlichkeiten dieses Formats mehr anzieht bzw. hält. Da suchen die Heimatforscher unter den Brüdern in der Vergangenheit und verbreiten Halbwahrheiten und blühenden Unsinn millionenfach im Internet. Und alle schreiben ab. Beispiele sind auch die ständigen Nennungen von Lessing, Kurt Tucholsky oder Carl von Ossietzky, die Freimaurer, Aufklärer und kritischen Geister. Die waren allerdings in »irregulären«, nicht anerkannten Logen aufgenommen worden; solche Brüder werden in aller Regel ausgegrenzt. In diesen Fällen sieht man darüber hinweg. Lessing schrieb in »Ernst und Falk«: Es gäbe keine »Geheimnisse« in der Freimaurei, nur »Heimlichkeiten«. So ist es. Aber man will glänzen mit früherem und dem Ruhm anderer …

Die Loge »Schiller« in Essen verbreitete z.B.:

»Der Text entstand im September 1785 in Dresden und war mit der Musik von Christian Gottfried Körner für maurerische Tafellogen bestimmt …«.

Andere übernahmen das ungeprüft, obwohl sie die Möglichkeiten hätten, in die Quellen zu sehen. Auch die Internetloge, Freimaurer-Wiki, Loge St. Georg in Hamburg usw. Selbst die Dresdner Brüder der Loge »Zu den drei Schwertern …«, die es eigentlich besser wissen müßten, schrieben das (inzwischen gelöscht) und verwiesen auf die Internetloge …

Natürlich ist das Unsinn.

Christian Gottfried Körner

Christian Gottfried Körner, Sohn des Leipziger Superintendenten an der Thomaskirche, ist am 22. Oktober 1777 in der 1766 gegründeten Leipziger Loge der Strikten Observanz (»Tempelherrenloge«) »Minerva zu den drey Palmen« aufgenommen worden, wurde 1784 Konsistorialrat am Oberkonsistorium in Dresden, also Staatsangestellter, und wohnte auch dort bis 1815, dann »emigrierte« er nach Berlin.

Körner: »Dresden ist eine Wüste der Geister …« 

Körner, Matrikel 1
Körner, Matrikel Leipzig

Bis 1813 war er Mitglied der Leipziger Loge, auch wenn er sie selten besuchte, und hielt Abstand zur Dresdner »Hofloge« (»Zu den drei Schwertern …«), wie u.a. sein Brief vom 23. Dez. 1785 an den Leipziger Meister vom Stuhl mit Bitte um Aufnahme seines Freundes Ludwig Ferdinand Huber belegt:

»… Ich sagte ihm, daß ich ihn aus verschiedenen Ursachen an keine andre Loge, als die Leipziger Minerva empfehlen könnte …«

Erst am 15. Dez. 1813, nach Napoleons Niederlage und der Verwahrung des sächsischen Königs von Napoleons Gnaden, Friedrich August I., in Preußen, wurde er in der Dresdner Loge angenommen und zum Meister vom Stuhl gewählt.

Körner Matrikel DresdenKein »Auftragswerk« also, schon gar nicht für eine Loge. Körner hatte keinen Nerv für die damalige obskure Ordens-Freimaurerei, vor allem nach dem Skandal um den in Leipzig zaubernden und von Rosenkreuzern gelenkten »Geisterseher« Johann Georg Schrepfer. Schiller war nie Freimaurer, wollte auch nicht. Körner hat ihm sicher die unsäglichen Vorgänge u.a. in der »Minerva« im Zusammenhang mit dem am 8. Oktober 1774 im Leipziger Rosenthal wohl ermordeten Schrepfer geschildert. Sie flossen in seine ironische, unvollendete Abenteuergeschichte »Der Geisterseher« ein.

Bruder Albert Lortzing, z.B. zum Thema »Freimaurer-Forscher«:

»Zu der Erkenntniß gelangte ich bald, daß wir viel mehr Genießbares in der Kunstwelt vorgeführt bekämen, wenn jedes Talent innerhalb der ihm von Natur aus gezogenen Schranken seine Kräfte auszubilden bestrebte, ohne darüber hinaus nach Früchten zu langen, die ihm unerreichbar bleiben …«

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