»Mein Leipzig lob’ ich mir …« – Ein peinliches Missverständnis ©

Goethe, 16

Der 16-jährige Johann Wolfgang Goethe (geadelt 1781) kam 1765 nach Leipzig – und hatte noch nie eine solch lebendige und ansehnliche Stadt erlebt. Er wohnte in der Großen Feuerkugel am (Neuen) Neumarkt, heute ein Kaufhausgrundstück mit Gedenktafel. Zu den Messen mußte er jeweils ausziehen.

Nach drei wilden Studentenjahren und einem Zusammenbruch holte ihn der Vater wieder ins beschauliche Frankfurt am Main zurück. Leipzig ist neben dem Brocken der einzige reale Bezug in seinem späteren »Faust I« (1808 erschienen).Große Feuerkugel

Beim Reudnitzer Kuchenbäcker Händel (heute: Ranftsche Gasse 14) schrieb er in heiterer Studentenrunde seine »Ode an den Kuchenbäcker Hendel« an die Wand, eine Parodie auf den grauslig dichtenden Universitätsprofessor Clodius:

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Und bekam ziemlichen Ärger. Die Gasthöfe in der Innenstadt waren ihm auch nicht fremd. Der alte »Auerbachs Hof«, seit 1530/38 so benannt nach Heinrich Stromer aus Auerbach in der Oberpfalz, war ursprünglich nach oben offen, wie alle anderen Durchgangshöfe der Stadt. Er führt noch immer von der Grimmaischen Straße im Winkel zum (Neuen) Neumarkt. Über Jahrhunderte waren hier während der Messen die Anbieter besonderer Waren vertreten: Seidenstoffe, Schmuck, Porzellane, auch die beliebten Abgüsse antiker Bildhauerarbeiten gab es hier.

Seit 1911 ist es dieüberdachte »Mädler-Passage«, erbaut von einem Kofferfabrikanten, der den Gebäudekomplex an der Grimmaischen Straße abriß und als Porzellanmessehaus neu erbaute. Die historischen Kellergewölbe sollten gleich mit weg. Kaufmannsmentalität bis heute. Verhindert hat das eine über ganz Europa reichende Empörung.

Letztlich ist der Erhalt Johann Wolfgang Goethe zu verdanken (das »von« kam erst 1781 dazu). Der Student saß hier gelegentlich mit Freunden. Für die Öffentlichkeit war der Weinkeller lange Zeit nur während der drei Messen im Jahr geöffnet; in den Adreßbüchern der Goetheschen Jahre in Leipzig ist er auch nicht genannt. Mit der Faustsage war Goethe seit seiner Kindheit vertraut. Dieser Ort war erstmals 1630 in einer Chronik damit verbunden worden. Der historische Dr. Faust, der tatsächlich kurz in Leipzig war, hat mit »Auerbachs Keller« nichts zu tun: Der Mediziner Dr. Heinrich Stromer eröffnete seinen Weinkeller erst später, nachdem er eine Frau mit schönem Vermögen und Grundstücken geheiratet hatte, darunter dieses. Er betrieb einen umfangreichen Weinhandel. Ein findiger Wirt hatte 1625 zwei bis heute erhaltene Tafeln mit Faustmotiven malen lassen und sie aus Marketinggründen 100 Jahre zurückdatiert und so der Faust-Legende angeglichen. Goethe wird die Tafeln gesehen haben. Erst ab 1867 kamen die anderen Wandgemälde in die Gaststätte. Das Grundstück gehörte in Goethes Leipziger Jahren den Grafen von Lindenau, 88 Jahre insgesamt. Sein älterer Freund Ernst Wolfgang Behrisch war Hofmeister des jungen Grafen.

Auerbachs Hof in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Links daneben (schmales Gebäude) das »Literarische Museum« Anton Philipp Reclams von 1828 (heute Grundstücksteil des Zeitgeschichtlichen Museums). Reclam hatte sich von seinem Vater 3000 Taler geborgt zur Gründung seiner ersten Firma. Sein erster Titel der »Universalbibliothek« war 1867 auch Faust I, gedruckt in 5.000 Expl. und innerhalb von 4 Wochen vergriffen.
Auerbachs Hof in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Links daneben (schmales Gebäude) das »Literarische Museum« Anton Philipp Reclams von 1828 (heute Grundstücksteil des Zeitgeschichtlichen Museums). Reclam hatte sich von seinem Vater 3000 Taler geborgt zur Gründung seiner ersten Firma. Sein erster Titel der »Universalbibliothek« war 1867 auch Faust I, gedruckt in 5.000 Expl. und innerhalb von 4 Wochen vergriffen.

Mit dem 19. Jahrhundert, nach Goethes Tod 1832, wurde »Auerbachs Keller« eine Art Wallfahrtsort. Nicht nur im großen Restaurant sitzt und ißt man gut, und man hat die Gemälde an den Wänden im Blick mit Faust-Szenen. Auf der anderen Seite das Weinrestaurant und der berühmte Faßkeller.

Eine andere Legende stammt aus neuerer Zeit: »Mein Leipzig lob’ ich mir …« wird pausenlos zitiert. Goethes scheinbares Lob und die angebliche Verbeugung vor dieser Stadt stand sogar über viele Jahre als Leuchtschrift am Brühl – und soll wieder hin. Die betreffende Faust-Stelle sollte man aber mal lesen, denn: Nicht »Goethe sagt«, sondern eine seiner Figuren, der versoffene und ein wenig verkommene Frosch, der schon durch halb Europa gezogen ist. Er antwortet auf Mephistos Rede; Brander ist nur Einschub …:

»Mephistoles. Ich muß dich nun vor allen Dingen / In lustige Gesellschaft bringen, / Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt. / Dem Volke hier wird jeder Tag ein Fest. / Mit wenig Witz und viel Behagen / Dreht jeder sich im engen Zirkeltanz / Wie junge Katzen mit dem Schwanz. 
/ Wenn sie nicht über Kopfweh klagen,
 / So lang der Wirt nur weiter borgt,
 / Sind sie vergnügt und unbesorgt.

[Brander. Die kommen eben von der Reise, / Man sieht’s an ihrer wunderlichen Weise; / Sie sind nicht eine Stunde hier.]

Frosch. Wahrhaftig, du hast recht! / Mein Leipzig lob’ ich mir / Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute …«

Aber: Paris war in der Zeit des historischen Faust und noch lange danach in weiten Teilen mittelalterlich, schmutzig, verkommen, kriminell. Das Urbild einer liederlichen Stadt, siehe die Reiseberichte und div. französische Romane und Autobiographien bis zu Richard Wagner. Kein guter Werbespruch also.

Frosch, Brander und Siebel sind übrigens alte Bezeichnungen für Studenten nach unterschiedlicher Studienzeit …

Der Leipziger Literaturhistoriker Walter Dietze hat schon 1972 dieses ständig nachgeplapperte bewußte Mißverstehen (freundlichste Erklärung: Marketinggründe …) im Seminar und in einem Aufsatz bloßgestellt, uns Studenten ans Herz gelegt, wir sollten das weitertragen:

»… Problematisch aber wird das Ganze, erscheint es mit der uneingeschränkten Behauptung verknüpft, dies habe Goethe gesagt … Sollte die tiefe, ja zähneknirschende Ironie wirklich so schwer zu verstehen oder im Laufe der Zeit ganz verlorengegangen sein, die allein darin liegt, daß es der dümmsten und schlimmsten Philister einer ist, der solchermaßen zu Worte kommt?«

Goethe an seine Schwester Cornelia, Leipzig, d. 18. Octb. 1766

»… Ich fange an mit den Leipzigern, und mit Leipzig ziemlich unzufrieden zu werden. Ich binn aus der Gnade derjenigen, denen ich sonst meine Aufwartung machen durfte gefallen … Man hält mich daher, für einen in der Gesellschafft überflüssigen Menschen, mit dem nichts anzufangen ist … Noch eine andere Ursache warum man mich in der großen Welt nicht leiden kann. Ich habe etwas mehr Geschmack und Kenntniß vom Schönen, als  unsere Galanten Leute und ich konnte nicht umhin ihnen offt in großer Gesellschafft, das armseelige von ihren Urteilen zu zeigen. Nichtsdestoweniger lebe ich so vergnügt und ruhig als möglich, ich habe einen Freund an dem Hofmeister des Grafen von Lindenau, der aus eben den Ursachen wie ich, aus der großen Welt entfernt worden ist. Wir trösten uns mit einander, indem wir in unserm Auerbachs Hofe, dem Besitztume des Grafen wie in einer Burg, von allen Menschen abgesondert sitzen, und ohne Misantropische Philosophen zu seyn, über die Leipziger lachen, und wehe ihnen, wenn wir einmahl unversehns aus unserem Schloß, auf sie, mit mächtiger Hand einen Ausfall tuhn. Lebe wohl. .«

An Ernst Wolfgang Behrisch, Leipzig, d. 16 Octbr. 67.

»… Gott weiß, ich binn so dumm, so erzdumm, daß ich gar nicht weiß wie dumm ich binn. Meynst du denn, ich könnte mir einbilden daß du fort bist. Das hab ich mir noch gar nicht gesagt. Ich komme zwar nicht mehr in Auerbachshof, wo ich sonst alle Tage lag, und das sollte doch eine merckliche Aenderung in meinen Umständen machen; aber, es kömmt mir so vor als wenn ich eben jtzt nicht wollte, oder du mir nicht Audienz geben könntest; und daß mirs, wenn ich gleich Heute nicht hinauf ginge, doch Morgen nicht versagt wäre hinauf zu gehn; und so vertröst‘ ich mich von einem Tage zum andern, und geh einmal in’s Rosenthal, einmal nach Waren, wo ich gestern Salvavenia beynahe ersoffen wäre. Hernach geh ich einmal zu meiner Kleinen, spiele der Abwechslung wegen einige Scenen aus des Goldonis Verliebten, die Sie zur mehreren Erbauung drüben nachlesen können …« 

An Ernst Wolfgang Behrisch, Leipzig d. 2 Nov. 67.

»… Siehst du das meyn‘ ich, und wollte Auerbachshof wäre nicht leer. Sonst war er ein Zufluchtsort, itzt muß ich in die Feuerkugel fliehen, und, das weißt du, da war ich nie recht zu Hause …«.

Und in einem Brief an seinen Sohn August in Heidelberg vom 3. Juni 1808 (in diesem Jahr erschien Faust I) spricht er von Leipzig:

»Die guten academischen Jahre auch in einer herrlichen Gegend und merkwürdiger Nachbarschaft zuzubringen, ist ein Glück das ich nicht genossen habe, da ich drey Jahre in dem steinernen, auf der Fläche wo nicht im Sumpf, doch am Sumpfe liegenden Leipzig zubrachte « 

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Heinirch Stromer hat 1539 Luther in seinen Auerbachs Hof eingeladen. Und in der Mitte des 18. Jahrhunderts lebte während der Messen ein gewisser Johann Ernst Gotzkowsky hier. Der Großkaufmann, Mitbegründer der ersten Leipziger Freimaurerloge 1741 und Gründer der Königlich Preußischen Porzellanmanufaktur KPM (er hatte Meißner Spezialisten abgeworben), Großonkel Lortzings und Vertraute des Preußenkönigs Friedrich II. ist heute selbst in Leipzig, bis auf einen Straßennamen, kaum noch bekannt. Obwohl er die Stadt im Siebenjährigen Krieg mit seinen Millionen-Taler-Krediten und Bürgschaften mehrmals vor dem drohenden Bankrott und die Ratsmitglieder und Kaufleute aus der Pleißenburg gerettet hat. Als er sein Geld wiederhaben wollte, hat man ihn als »geldgierig« beschimpft …

Der nördliche Ausgang der Mädlerpassage führt uns zum gegenüberliegenden Naschmarkt (bis 1778 in den Adreßbüchern »Aschmarkt« genannt) mit der Alten Börse (1687) im Hintergrund, und noch einmal zu Goethe. Im Mai 1903 hat man das Goethe-Denkmal des Leipziger Bildhauers und Freimaurers Carl Ludwig Seffner auf dem Leipziger Naschmarkt enthüllt.

• Walter Dietze, Episode oder Prolog? Goethes Leipziger Lyrik. In: ders., Reden, Vorträge Essays, Reclam Leipzig 1972 (Prof. Dr. Dietze, Leipziger Germanist)

• Reinhard Buchwald, Führer durch Goethes Faustdichtung, Stuttgart 1955 (Buchwald ist auch der Autor der zweibändigen, sehr soliden Schiller-Biographie)

• Paul Daehne, Auerbachs Keller. Auerbachs Hof. Mädler-Passage. Eine Jubiläumsschrift. Leipzig 1930

• Rolf Tiedemann (Psychoanalytiker), Zur Auerbachs-Keller-Szene 

Vgl. auch: Otto Werner Förster, »… daß ich in Leipzig glücklich seyn werde …«. Unterhaltsame literarische Spaziergänge durch das alte Leipzig, Verlag J.G. Seume, 2012

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