Lortzings Leipziger Wohnungen ©

Ein überforderter Bibliothekar und eine falsche Gedenktafel.

»Lortzing, wohnhaft im Naunendörfchen No. 1008«, steht im Brief Albert Lortzings vom 22. Mai 1834 an den Leipziger Verleger Julius Wunder. Die Wohnung in einem Grundstück, das bis an die Mühlpleiße reichte (hinter der heutigen Hauptfeuerwache), hatten die Eltern besorgt.

Eine steinerne Gedenktafel (1940) am Haus der Leipziger Funkenburgstraße 8 im Waldstraßenviertel behauptet, daß Albert Lortzing hier während seiner gesamten Leipziger Zeit gewohnt und seine bekanntesten Bühnenstücke geschrieben hätte. Die Information ist falsch. Sie geht zurück auf den Altphilologen Gustav Wustmann, Stadtbibliothekar, der sie u.a. 1897 in seinem »Bilderbuch aus der Geschichte der Stadt Leipzig« verbreitet hat. Seitdem ist das nicht aus den Köpfen, den Büchern und Beiträgen zu bekommen. Seine Quelle war Philipp Düringers erste Lortzing-Biographie von 1851. Wustmann hätte einfach mal in die Adreßbücher sehen müssen, er saß an der Quelle … –

Lortzing-Tafel

Im März 1838 vermeldet Lortzing dem Leipziger Verleger und Freimaurerbruder Friedrich Hofmeister brieflich: »Meine Wohnung ist die große Funkenburg«. Diese Postadresse galt allerdings auch für die umliegenden, verstreuten Grundstücke. Die »Funkenburg« hatte die Brandkatasternummer 1042 (Nr. 29). Lortzing wohnte ein Stück daneben: Im Leipziger Adreßbuch ist er verzeichnet unter der Adresse Frankfurter Straße 28, der Fortsetzung des Ranstädter Steinwegs (Jahnallee). Die hat im gleichen Adreßbuch die Nr. 1086 (Nr. 28, heute 6), »Vordere Ziegelscheune«

Das Areal um die Große Funkenburg einschließlich der benachbarten, aufgegebenen Ziegelei war in jenen Jahren heftig umgebaut worden, Gebäude wurden abgerissen, andere zu Wohnungen ausgebaut. Die Freimaurer-Familie Frege, Besitzer des gesamten Areals, mit der Lortzing ständigen Kontakt hielt, hat auch hier viel bewegt. So hatte Frege ein großes Gebiet hinter den Häusern in Gartenparzellen aufgeteilt und darauf jeweils Holzlauben gesetzt, die man mieten konnte. Hier wird das »schmucklose, einsame Gartenstübchen« zu suchen sein, daß Freund Philipp Düringer in seiner Lortzing-Biographie nennt; Düringer war zudem zu Lortzings Funkenburg-Gartenhaus-Zeit schon in Mannheim …

1844 wurde Lortzing Kapellmeister und zog mit Familie in das Gartenhaus mit Anbau hinter der Funkenburg. An Philipp Reger schrieb er im Juni nach dem Umzug: »Wer keinen Garten hat ist übrigens ein Schuft …, die Witterung hier ist vortrefflich, außer meinem Hause und drinnen«.

Lortzing-Karte

Die Kündigung des Pachtvertrags von Theaterdirektor Ringelhardt und die Einsetzung des Arztes und Hobby-Theaterfreundes Dr. Carl Christian Schmidt ließen nichts Gutes ahnen. Gespielt wurde seltener und mit Verlust. Gute, also honoraraufwendige Mitarbeiter wurden entlassen. Im Sommer 1846 bekam Lortzing einen Vertrag für das Theater an der Wien. Auch dort ging es auf die Revolution zu und damit auf die Pleite; er kam zurück. Die eigentlich traurigen und armseligen Jahre in Lortzings Leben waren die letzten beiden. 1849 wohnte er wieder in Leipzig, Tauchaer Straße 2 (Rosa-Luxemburg-Straße). Lortzings letzte Anstellung war als Kapellmeister in seiner Heimatstadt Berlin, am Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater, dem späteren Deutschen Theater.

Lortzing, 1844

Der ein Jahrhundert lang als apolitischer, »biedermeierlicher Kleinmeister« abgetane Komponist mit »hübschen« Texten (Wustmann) hat in Leipzig seine dauerhaftesten Freundschaften gefunden, ein sehr gutes Auskommen, und er fand zu seinen Überzeugungen. Hier entstanden seine wesentlichen Werke. »Für wen schreibe ich denn aber, wenn nicht für das Publikum?«, und »Zu der Erkenntniß gelangte ich bald, daß wir viel mehr Genießbares in der Kunstwelt vorgeführt bekämen, wenn jedes Talent innerhalb der ihm von Natur aus gezogenen Schranken seine Kräfte auszubilden bestrebte …«, äußerte er in einem Gespräch mit dem Leipziger Musikschriftsteller Johann Christian Lobe.

Zum 50. Todestag 1901 veranstaltete das Leipziger Stadttheater eine Lortzing-Festwoche mit fünf Opernaufführungen. Das Lortzing-Doppeljubiläum 2001 – sein 200. Geburtstag und 150. Todestag – wurde in der »Musikstadt« Leipzig von einer Freimaurerloge finanziert und, angemessen und öffentlich, vom Autor organisiert …

Vgl. auch: Otto Werner Förster, »Meine Wohnung ist die große Funkenburg«, Leipziger Blätter, Frühjahr 2001

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