Leipzig 2015: 1000 Jahre Eigensinn

Bild: Heidenbekehrung, Gemälde von Wojciech Gerson, 19. Jh.

(1) Widerborstige Leipziger Anfänge

Die Leipziger Anfänge vor mehr als einem Jahrtausend waren durchaus ein wenig anders, als die Jubiläumsverantwortlichen »1000 Jahre Ersterwähnung« glauben machen wollen. Es ist vielmehr eine frühe Geschichte von fremden Eroberern und Bedrückung, Entmündigung und Widerstand. Nicht nur auf dem heutigen Leipziger Stadtgebiet gab es lange vor der Ersterwähnung Siedlungen. Hier lebten Slawen, Sorben, die seit dem ausgehenden 6. Jahrhundert in unsere Gegend einwanderten. Die germanischen Stämme waren nach dem Untergang des Römischen Reichs und der »Völkerwanderung« nach Westen und Süden abgezogen. Die Mehrheit der Ortsnamen zeugt von den Sorben, auch zahllose Bodenfunde. Sie hatten sich in den fruchtbaren Auelandschaften eingerichtet als Bauern, Viehzüchter, Fischer. Das Frankenreich aber dehnte sich immer weiter nach Osten aus. Seit Karl dem Großen hatte man die Nachfolge Roms angetreten: Es ging um Macht- und Gebietserweiterung, Einfluß und Einnahmen. Allerdings waren Schreiben und Lesen als wichtige Hilfsmittel der Organisation und Verwaltung auch bei den Franken noch ziemlich unterwickelt. Die christliche Kirche hatte beides, und sie hatte das System, die Aufmüpfigen durch ständige Kontrolle am Zügel zu halten. Die Sorben wollten aber nicht. Sie wollten auch nicht, daß man ihnen ihr Land wegnahm, Abgaben und Fronarbeit leisten mußten, im Gegensatz zu den angesiedelten Besatzern.

Säulenkapitel mit Pentagramm an der Kirche Knauthain als Schutz vor bösen Geistern. Auf ehemaligem sorbischen Kultplatz
Säulenkapitel mit Pentagramm an der Kirche Knauthain als Schutz vor bösen Geistern. Auf ehemaligem sorbischen Kultplatz

Es kamen Kriegerheere, die militärische Stützpunkte anlegten, »Burgwarde«. Und in ihrem Schutz die Mönche, um die »Heiden«, die »Ungläubigen« mit ihren Naturgottheiten, nachdrücklich vom rechten Glauben zu überzeugen: Man zerstörte ihre Kultplätze, baute die eigenen darauf. Die alten christlichen Kirchen in und um Leipzig, z. B. Hohenthekla, Knauthain, Großzschocher usw., sind dafür Zeugnisse. Das brauchte allerdings gut drei Jahrhunderte. Slawenaufstände gab es nach den Chroniken z. B. in den Jahren 857, 864, 869, 927. Merseburg war das Zentrum des »Sorbenbistums«, von hier aus wurde die Missionierung gesteuert.

Die alte Kirche Hohenthekla  auf einem slawischen Kultplatz gebaut
Die alte Kirche Hohenthekla, auf einem slawischen Kultplatz gebaut

Im Jahre 1015 erwähnt die Chronik des Bischofs Thietmar »Libzi« zum ersten Mal. Da stand schon eine fränkische Burg auf dem heutigen Matthäikirchhof, gebaut wahrscheinlich im 10. Jahrhundert auf einer Befestigungsanlage, einer alten slawischen Fluchtburg. An einem strategischen Punkt, der Kreuzung zweier sehr alter Handelswege.

Die Leipziger hatten eigentlich vor, Reichsstadt zu werden. Der machtgierige und rücksichtslose Markgraf Dietrich von Meißen verhinderte das: 1213 begann er in Leipzig ein Augustiner-Chorherren-Stift bauen zu lassen, unterstellte ihm die städtische Nikolaikirche und die Peterskirche. Die Genehmigung des Kaisers hatte er sich im Jahr zuvor geben lassen, das Gelände war Königsgut.

Der Bau verzögerte sich, denn, so die Vogel’sche Chronik, »die Bürgerschafft, welcher dieser Bau verdächtig und zuwider war, zerstreuen Kalck und Steine und stecken das Holz mit Feuer an, jagen auch Cunradum den Probst aus der Stadt …«

Der Markgraf hat die Aufmüpfigen ausgetrickst, bestraft und drei Burgen gegen die Bürger auf dem Stadtgebiet gebaut. Thomaskirche und Stift wurden erst um 1222 fertig. Und noch nichts war zu hören und zu sehen von Thomanerchor und Schule. Das spielte keine Rolle, als man 2012 unbedingt ein Jubiläum brauchte, um in die Medien zu kommen …

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