Leipzig 2015: 1000 Jahre Eigensinn (2)

Friedrich der Streitbare. Letzter Markgraf von Meißen und erster Kurfürst von Sachsen

Letzter Markgraf von Meißen und erster Kurfürst von Sachsen

Luther-Eck: Disputation in der alten Pleißenburg Aufbruch aus dem Mittelalter

Das 15. und das 16. Jahrhundert sind für Leipzig und Mitteldeutschland der Aufbruch aus dem Mittelalter: Die Universität wird 1409 gegründet, und 1423 erhält Friedrich der Streitbare, Markgraf von Meißen, den Titel Herzog von Sachsen. Der geht zurück – über die Askanier und Anhaltiner – auf Heinrich den Löwen. Im Laufe des Jahrhunderts wird auch die Bevölkerung »Sachsen« genannt, die historisch nichts mit dem norddeutsch-germanischen Stamm zu tun hat. Und 1485 teilen die Wettiner-Brüder Ernst und Albrecht in der »Leipziger Teilung« das Land unter sich auf: Die Ernestiner in Sachsen-Thüringen, die Albertiner in Sachsen-Meißen.

Rotes Kolleg, 1517, Ritterstraße/Nikolaischule
Rotes Kolleg, 1517, Ritterstraße/Nikolaischule

Seit dem 29. September 1512 hat Leipzig auch eine bürgerliche Stadtschule, die Nikolaischule. Die Kaufleute wollten für ihre Kinder eine breitere humanistische Bildung: Beten, Bibel, Singen wie in der Thomasschule ist ihnen doch zu wenig. Mehr als ein Jahrhundert hat das Thomasstift die Gründung verhindert. Das alles in der Zeit der Renaissance, der »Wiedergeburt« antiker Philosophie und Kulturleistungen. Bildung also, getragen von Studenten und Wissenschaftlern, Künstlern und Schriftstellern der »Humanismus«-Bewegung. Der bildungsfeindlichen katholischen Kirche ist das gar nicht recht, es bringt Dogmen ins Wanken und die Menschen zum Nachdenken.

Die Reformation beginnt – nach dem Wittenberger Thesenanschlag ­­– auch in dieser Stadt. Am 24. Juni 1519 ziehen Luther, Andreas Bodenstein aus Karlstadt/Franken und Philipp Melanchthon mit großem Gefolge durch das Grimmaische Tor in Leipzig ein, zur Disputation in der alten, kleinen Pleißenburg. Die lag ein gutes Stück nördlicher als die spätere auf dem heutigen Gelände des Neuen Rathauses (1905). Karlstadt ist Luthers Doktor-Vater. Der wird ein paar Jahre später reformatorischer »Wieder«-Täufer und von Luther und Melanchthon verfolgt, viele seiner Anhänger werden auf der Leuchtenburg inhaftiert und in Jena hingerichtet … Karlstadt bestreitet auch die ersten sieben Tage der Disputation mit dem engstirnigen Ingolstädter Theologen Johann Mair, der sich Eck nennt. Danach ist Luther an der Reihe, stellt die Autorität des Papstes in Frage und verweist auf Schriften des Reformators Jan Hus, der in Konstanz verbrannt wurde. Das ausgewählte Publikum ist mehrheitlich empört: Wie kann man so etwas wagen! Die Disputation wird am 13. Juli abgebrochen, weil Kurfürst Joachim I. von Brandenburg auf der Durchreise hier wohnen soll. Der Auslöser von Luthers Zorn war der Leipziger Dominikanermönch Johannes Tetzel (geb. in Pirna) mit seinem Ablaßhandel im Auftrag des Erzbischofs Albrecht von Brandenburg. Tetzel stirbt noch während der Disputation am 4. Juli – wahrscheinlich an der Pest – im Leipziger Dominikanerkloster und ist auch dort im Chorhaupt begraben. Er wird wohl heute noch dort liegen.

Johannes Tetzel (*um 1469 Pirna, †Juli 1519 Leipzig), Stich 1880
Johannes Tetzel (*um 1469 Pirna, †Juli 1519 Leipzig), Stich 1880

Der Leipziger Mediziner Heinrich Stromer, geb. in Auerbach/Oberpfalz, ist begeistert von Luthers Auftreten, lädt ihn zum Essen ein in sein Haus an der Grimmaischen Straße – »Auerbachs Hof« entsteht erst ab 1530 aus dem Hummelshain’schen Hof. Luther wohnt mit Melanchthon in der Hainstraße (Gedenktafel) beim Drucker Melchior Lotter. Durch dessen Drucke verbreiten sich die reformatorischen Ideen sehr schnell im ganzen Reich.

Ernst Müller, Die Häusernamen von Alt-Leipzig, 1931
Ernst Müller, Die Häusernamen von Alt-Leipzig, 1931

Im »Thüringer Hof« in der Burgstraße aber kann Luther nie gewohnt haben: der wurde erst 1838 eröffnet, auf drei alten Grundstücken. Und eine »Gaststätte, Studentenburse genannt« (Näher dran, 2009) ist Quark – eine Burse war Studentenunterkunft und keine Kneipe. Auch den angeblichen »Fürstenerker« in Barthels Hof, von dem herab er gesprochen haben soll, gab es dort nicht. Der Erker ist erst 1870 von der Markt- auf die Hofseite des Hauses »Zur goldenen Schlange« gekommen. Selbst Tourismusvereine können peinliche Irrtümer verbreiten. –

In Leipzig haben u.a. der im Bauernkrieg hingerichtete Reformator Thomas Müntzer studiert und der mit Stromer befreundete Humanist und Schriftsteller Ulrich von Hutten. Der verbreitet 1517 zur Unterstützung Luthers seine deutsche Ausgabe der Schrift von Laurentius Valla, die nachweist, daß die »Konstantinische Schenkung«, d.h. der weltliche Herrschaftsanspruch des Bischofs von Rom (der Papst) samt der Schenkung des Vatikan-Areals, eine Fälschung wahrscheinlich aus dem 8. Jahrhundert ist. Schöner Lügen für die Macht. –

Luther haßte Leipzig als »Mistpfütze des Wuchers und vieler Übel«. Leipzig sei »tiefer in der Habsucht ertrunken als die arabischen Berge in der Sintflut«. Zum Pilgern meinte er: »Narrenwerk«, zum Jakobsweg: »Lauf nicht dahin, man weiß nicht, ob Sankt Jakob oder ein toter Hund daliegt«. Leipzig ist inzwischen Pilgerweg-Station.

Philipp Melanchthons Bildungsbemühungen hatten trotzdem Erfolg: Herzog Moritz von Sachsen machte nach Einführung der Reformation aus drei säkularisierten Klöstern Landesschulen (»Fürstenschulen«): 1543 Meißen und Pforta bei Naumburg, 1550 Grimma. Die Absolventen mußten in Leipzig studieren, Lessing, Klopstock, Gellert, Körner, Fichte usw. Das protestantische Mitteldeutschland erhielt damit einen großen Bildungsvorsprung vor dem katholischen Süden.

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