Johann Gottfried Seume

Johann Gottfried Seume. 

Stich von E. Kretzschmar nach Veit Hanns Schnorr von Carolsfeld

(* 29. Jan. 1763 Poserna – † 13. Juni 1810 Teplitz)

»Seumes, Spaziergang ist ein unerträgliches Zeug voll Arroganz, Gemeinheit, Großtun im Nichts; ein eitler Mensch, der etwas sein will, ein grober Bengel …«, schreibt die Superintendentengattin Caroline Herder 1803 aus dem dörflichen Weimar.

Der grobe Bengel Johann Gottfried Seume verstand sich natürlich als »Ketzer«. In seinem letzten Jahrzehnt sprach er aus, was die immer »schweigende Mehrheit« nicht konnte oder wollte. Als Napoleon aus Rache für die unsäglichen Koalitionskriege gegen die Republik Frankreich, und schließlich aus Großmannssucht, schon halb Europa bedrückte, als die Fürsten von Napoleons Gnaden zu Königen mutierten, schrieb Seume seine großartigen politisch-journalistischen Texte. Sie wurden zensiert, verstümmelt oder erst nach seinem Tod veröffentlicht. Zensur funktioniert bis heute auch verdeckt und über ungeahnte Umwege.

Dichter Seume wandert Kopie

 

Man hat ihn als skurrilen »Wanderer« entschärft – Johann Gottfried Seume war »Wanderer« vor allem auch, weil er wenig Geld hatte und u.a. das Laufen gewohnt war durch seine Militärjahre! Und er hatte seit seinem Söldneraufenthalt in Nordamerika eine Schußwunde am linken Fuß sowie eine Quetschung am Knöchel. In »Mein Sommer 1805« schreibt er:

»Du mußt wissen, ich habe seit mehr als zehen Jahren eine Kontusion am linken Fuße, wodurch die Bänder eine Art von Schwäche bekommen haben, die mir jeden Fehltritt empfindlich macht. Die beste Stärkung ist nun Gehen; und ich pflege zuweilen wörtlich wahr zu sagen, ich muß nur einige hundert Meilen zu Fuß gehen, weil ich lahm bin« (Werke, Bd. 1, S. 593) – Das Wandern war für ihn also eine Art Therapie!

Fast ganz Europa ging bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zu Fuß, auch Philosophen und Schriftsteller. Zum Beispiel Jean Jaques Rousseau, Karl Philipp Moritz, Johann Gottlieb Fichte usw. Seume allerdings ist die längsten Strecken gelaufen.

Erst die Achtundsechziger haben Qualität und Brisanz von Seumes Texten wiederentdeckt, etwa zur gleichen Zeit wie DDR-Verlage und Wissenschaftler. Der »kleine« Seume war übrigens nicht nur 1,50 m groß – eine Erfindung aus dem 20. Jahrhundert. Der Historiker Georg Meyer-Thurow hat in hessischen Militärarchiven recherchiert: Er war 1,63 m, also mittelgroß, wie es der Leipziger »Steckbrief« von 1781 schreibt.

Für Seume war Leipzig der Lebensmittelpunkt: Universitäts- und Handelstadt seit Jahrhunderten, ein Zentrum der Aufklärung neben Hamburg und Zürich, deutsches Verleger-, Druck- und Buchhandelszentrum. Der gebildete Bauernsohn Seume sah die Welt aus der Perspektive jener, die alle Werte schaffen und dafür alle Lasten tragen mussten, von unten. Den Lenkern und Machern, die ihm nicht das Wasser reichen konnten, begegnete er auf Augenhöhe. Daher kommen die im Gegensatz zu den üblichen Italienberichten, etwa von Goethe, so andersartigen Reisebeschreibungen.

Seume berichtet in einer lockeren, unterhaltsamen Sprache voll Witz und voller Zorn über den Alltag, die einfachen Leute und die ahumanen Zustände in Europa, wenn er z. B. die große Armut der sizilianischen Landbevölkerung sieht und dagegen die Verschwendung der Großgrundbesitzer, »Pfaffen« und Adligen hält.

Seume passte scheinbar nicht in seine Zeit. Der Germanist Jörg Drews nannte ihn einen Spätaufklärer. Seume war ein politischer Querdenker, tief in der europäischen Bildung wurzelnd. Ein Weltbürger, ein großer Humanist.

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