Gottlieb Benedict Zemisch©

Gottlieb Benedict Zemisch, Schattenriß

An der Katharinenstraße neben dem bekannten »Romanushaus«, das von 1812 bis 1905 das »Dufour’sche Haus« war, steht ein vor wenigen Jahren restaurierter Barockbau, die Nr. 21. Dort lädt man inzwischen ein zum Beispiel zu »Schillers Putenbrust« oder »J. S. Bach-Filet«. Im 18. Jahrhundert war dieses Haus das Wohn- und Geschäftshaus des Rauchwarenhändlers Gottlieb Benedict Zemisch (so geschrieben in den Originaldokumenten; das »h« kam erst später durch Schreiber und Abschreiber in den Namen). Er hat das »Große Concert« mitgegründet, drei Jahrzehnte gefördert und mitfinanziert, und das »Komödienhaus«, das »Alte Theater«, auf der Ranstädter Bastei gebaut. An ihn erinnert in Leipzig fast nichts, seit 1910 nur eine Straße im abgelegenen Lößnig, die seinen Namen trägt.

Quandts Hof (heute Oelßners Hof), Theatersaal u.a. der Neuberin

Zemischs Kürschnerfamilie hat seit 1671 ein Haus in der Ritterstraße 29, rechts neben der Hofeinfahrt von Quandts Hof. Das Grundstück ist beim Umbau zu »Oelßners Hof« 1896/1914 einbezogen worden. Johann Benedict Zemisch, der Vater, wechselt nach 1695 vom Kürschnerhandwerk zum Rauchwarenhändler. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gehören die Zemischs zu den erfolgreichsten Kaufleuten in Leipzig.

Gottlieb Benedict Zemisch, der jüngste Sohn, wird am 21. Mai 1716 in der Nikolaikirche getauft. Über Ausbildung und Bildungswege ist nichts bekannt. Er und sein fünf Jahre älterer Bruder Christian Gottfried sind weder auf der Nikolaischule noch auf der Thomasschule oder einer der drei Landesschulen zu finden. Sie werden Hauslehrer gehabt haben und früh in die Kaufmannsgeschäfte eingeführt worden sein. Der älteste Bruder dagegen, Johann Gottfried, besucht ab 1710 zehn Jahre die Landesschule Pforta bei Naumburg, danach studiert er Jura und wird promoviert. 1736 ist er bereits gestorben, wenige Jahre nach dem Tod des Vaters 1733.

Von 1736 bis 1747 sind Gottlieb Benedict Zemisch und sein zweitältester Bruder, Christian Gottfried, im Adreßbuch zu finden unter »Zehmischens Erben, auf der Catharinen-Straße in Herrn Gottfried Wincklers Hause«, der Nr. 21. Winckler (d. Ä., 1700–1771) ist Großkaufmann, Kunstsammler, Ratsmitglied und Mitglied der »Vertrauten« und betreibt umfangreiche Handels- und Wechselgeschäfte auch im Ausland. Hier lernen die beiden Zemisch-Brüder weiter das Kaufmannsgeschäft und unternehmen längere Auslandsreisen. Geschäftlich gehen sie dann jeweils eigene Wege. Nach 1764 taucht Christian Gottfried Zemisch nicht mehr auf in den Adreßbüchern, Logenakten und anderen Dokumenten. Bis zu diesem Zeitpunkt hat er ein »Comtoir im Brühl, in Herr D. Birnbaums Hause, und handelt mit wollenen und halbseidenen Zeugen, auch in verschiedenen Sorten Sächsischer Fabriquen-Waaren mit Gold, Silber und Seide, welche mehrentheils ausser Land geführet werden […]«.

Für die Kulturgeschichte Leipzigs ist 1741 ein wichtiges Jahr. Am 20. März gründen sieben junge Kaufmanns-, Wissenschaftler- und Ratsherrensöhne sowie junge Adlige eine Freimaurerloge, die in einem Pariser Schriftstück des gleichen Jahrs im Archiv der Großloge von Frankreich »Aux trois compas«, »Zu den drei Zirkeln«, genannt wird (Diese Loge hat nichts mit der erst 1766 gegründeten »Minerva zu den drei Palmen« zu tun. Obwohl mancher Heimatforscher das gern hätte …). Die Gründer – es müssen sieben »Meister« sein – sind Steger, Dufour, Kob, Peinemann, Schwabe, Zemisch und Baltzer. Sie müssen also in anderen Logen – wahrscheinlich in Frankreich – aufgenommen und zum »Meister« befördert worden sein. Zehn Tage später, am 30. März, kommt Johann Ernst Gotzkowsky dazu, Berliner Großkaufmann und Großonkel des Komponisten Albert Lortzing. Die Mitglieder sind natürlich tolerante Christen, evangelische, reformierte, katholische. Sie alle fühlen sich der Aufklärung verpflichtet, der Kultur- und Bildungsvermittlung und uneigennütziger Tätigkeit für das Gemeinwohl. Die Worte »Wirke, das ist das große Gesetz!« wird der Freimaurer Klopstock später an den Anfang eines Gedichts setzen. Und »Bruder« Lessing schreibt die Nathan-»Ringparabel«, und die Worte in »Ernst und Falk«, daß es in der Freimaurerei nur »Heimlichkeiten« gibt, keine »Geheimnisse«. Beide studieren im Leipzig der Aufklärung ab 1746 zwei Jahre Theologie – und verschwinden dann wieder.

So viel Toleranz und Aufklärung ist natürlich im Verständnis der Obrigkeit eine Unverschämtheit. Der Papst, Kurfürst Friedrich August II. und die Leipziger orthodoxe Theologie wettern heftig gegen solche demokratischen Selbstdenker-Auswüchse, aber es verpufft. Auch deshalb, weil die Namen der Mitglieder nicht in die Öffentlichkeit dringen. Verborgen bleibt auch, daß die Gründer des »Großen Concerts« im gleichen Jahr 1741 Freimaurer sind. Das wird erst bekannt, als im Jahr 2000 zwei Leipziger das Logenarchiv aus der Berliner »Stiftung Preußischer Kulturbesitz« nach Leipzig zurückholen (»Es waren nicht die Bürger«, WF). Die zunächst sechzehn jungen Kaufleute und Adligen, die das »Große Concert« finanzieren, sind sämtlich Logenmitglieder, darunter ab 30. März 1741 Johann Ernst Gotzkowsky, und seit Mai 1743 Ernst Christoph Graf Manteuffel, »Alethophilen«-Gründer (Freunde der Wahrheit) und ehemaliger sächsischer Minister. Gotzkowsky hilft im Siebenjährigen Krieg der Stadt Leipzig mehrmals mit hohen Krediten aus und verarmt schließlich an den Folgen.

Am 20. Januar 1743 heiratet Gottlieb Benedict Zemisch die Schwester des Logenmitglieds Johann Gottlieb Bosseck aus der Katharinenstraße, Johanna Henrietta. Der Schwiegervater ist einflußreicher Senior des Kurfürstlich-Sächsischen Schöppenstuhls.

Initiator und erster Direktor des »Großen Concerts« ist der 24-jährige Buchhändler Johann Friedrich Gleditsch aus dem Eckhaus Grimmaische Straße / Ritterstraße. Er stirbt bereits 1744. Zemisch übernimmt gemeinsam mit dem in Königsberg aufgenommenen Logenbruder und Kaufmann Daniel Friedrich Kreuchauff die Direktion und Organisation. Die Auswirkungen des von König Friedrich II. von Preußen 1740 begonnenen Ersten Schlesischen Kriegs (1740–1742) verhindern zunächst bis zum 11. März 1743 den Beginn des Großen Concerts; dann durch den Zweiten (1744/45) kann die Loge, inzwischen angewachsen auf hundert Mitglieder, nicht weiterarbeiten; sie löst sich 1745 auf. Mit der Neugründung der Folgeloge »Minerva zum Circul« 1746 geht es weiter. Zemisch mietet dafür ein Hofgebäude auf dem Grundstück »Drei Schwanen« am Brühl und baut es aus. Besitzer war er nie. 1753 kauft der Logenbruder Carl Friedrich Hundertmark das Grundstück für seine Frau. Der Konzertbetrieb ist für ein Jahrzehnt gesichert. Die »Verschwörung zum Guten« der Freimaurerei hält aber nur, mit Ausnahmen, ein gutes Jahrhundert. Mit dem Kaiserreich kommt der Nationalismus, mit den Nationalsozialisten kommen dann die Spaltung und die Überläufer.

Zemischs Rauchwarenhandel läuft hervorragend. Aus Moskau und England, aus Kanada via Frankreich bezieht er Felle von hervorragender Qualität. 1748 kauft Zemisch das Haus Katharinenstraße 21 vom Besitzer Gottfried Winckler, dessen Familienstammhaus gegenüber steht. Zwei Jahre danach beauftragt er den Baumeister Friedrich Seltendorff mit dem Neu- und teilweisen Umbau des alten Gebäudes. Die Gewölbe des Erdgeschosses und der Keller aus dem 16. Jahrhundert bleiben erhalten. 1752 ist Zemischs Wohn- und Geschäftshaus fertiggestellt. Er fördert das Concert mit seinen Firmengewinnen und gestaltet den Saal in den »Drey Schwanen« um. Bis 1756, als König Friedrich II. mit seinem rückständigen Preußen den Siebenjährigen Krieg beginnt. Die Konzerte können nicht stattfinden. Friedrich II. läßt sich seinen Krieg vor allem von Sachsen bezahlen, von Leipzig: Konfiszierungen, Einquartierungen und Kontributionen in Höhe von 10 Millionen Talern, heute mehr als 200 Millionen Euro, führen bis 1763 und danach zum Ruin zahlreicher Kaufleute und Handwerker. Auch Kreuchauff ist wirtschaftlich am Ende; er zieht sich 1766 vom Konzert zurück und gibt seine Firma auf.

Leipzig Adreßbuch 1769. Die Adresse läuft noch unter dem Namen von Zemischs längst verstorbenem Vater

Zemisch macht weiter. Er übernimmt vom Dresdner Ingenieurobristen und Logenbruder George Rodolff Faesch, der reformierten Glaubens und kein »Bürger« ist und also kein Grundstück haben darf, den Bauplatz auf der Rannischen Bastei. 1766 läßt er von Faesch das Komödienhaus bauen, das eigentlich ein Konzerthaus werden sollte. In die neue, im gleichen Jahr gegründete »Minerva zu den drei Palmen« – eine Ordensloge/ »Tempelherrenloge«  der »Strikten Observanz« – treten Zemisch, Oeser, Peinemann und andere nicht ein. In ihrem Verständnis hat dieses Hochgradsystem mit den entsprechenden Tempelritterspielchen, die vor allem vom Reichsfreiherrn Karl Gotthelf von Hund und Altengrotkau erfunden wurden, nichts mit Freimaurerei zu tun. Statt dessen führen sie ihre Loge fort, »irregulär«, das heißt als »Winkelloge«, in Zemischs Haus und im Kaffeehaus des Johann Heinrich Zimmermann, Hainstraße 10, im Durchgangshof »Großer Joachimsthal«. Viel später gibt es hier das »Café Wilhelmshöhe«.

Am 13. Februar 1775 verkauft Zemisch sein Haus Katharinenstraße an den Juristen Adolph Christian Wendler für 10.000 Taler, dazu für 1.000 Taler »zu denen Zimmern aptierte Meublen, Tapeten, Super-Ports, Trumeaux, Camin, Spiegeln, Camin-Leuchtern, Marmor-Consolen, eine Collection von Kupferstichen, und andern Mobilien […]«. Von den Einnahmen zahlt er die Hypotheken zurück und hat noch ein kleines Finanzpolster. Einen Teil der Kunstsammlung behält er für sich, darunter »[…] findet man eine kleine, wohlgewählte Sammlung geschnitzter Bilder in Elfenbein, Stein und Thon des Balthasar Permoser, unter welchen das Modell einer Apotheose unseres ersten Königs August und eine Büste der ›Verzweiflung‹ in grauem Marmor vorzüglich sind«.

Die lebensgroße Büste, auch »Verdammnis« genannt (Stadtgeschichtliches Museum Leipzig), scheint ihm besonders wichtig gewesen zu sein und auf seinen Gemütszustand zu verweisen: Vater und Bruder sind tot, 1771 folgt sein Gönner Gottfried Winckler, 1775 sterben Daniel Friedrich Kreuchauff und der wichtige Mitfinanzier des Konzertunternehmens, Johann Ernst Gotzkowsky. Zemisch zieht sich aus allem zurück, und das »Große Concert« ist im Niedergang begriffen.

Zemisch schenkt die Permoser-Büste 1777 der Stadt Leipzig, als sie ihm den Erbzins erläßt für einen von ihm genutzten Garten an der Rannischen Bastei. Heute ist sie im Bestand des Museums der bildenden Künste, sie wird aktuell im Stadtgeschichtlichen Museum / Altes Rathaus gezeigt. 1778 übereignet er das Komödienhaus seiner Frau Johanna Henrietta.

»Nun lebt er in einer kleinen Wohnung neben dem Opernhause in Dürftigkeit von den kleinen Renten, die er jährlich genießt«, schreibt das »Tableau von Leipzig« 1783. Das Leipziger Gelehrte Tagebuch bringt 1789 einen kurzen Nachruf: »Den 29sten März starb im 73sten Jahre seines Alters Herr Gottlieb Benedict Zemisch, angesehener Kaufmann, der durch Einrichtung eines Concerts und Erbauung des Schauspielhauses zum Vergnügen der Stadt beyzutragen eifrig, und mit Aufopferung seines Vermögens bemüht gewesen ist.«

Seine Grabstätte auf dem Alten Johannisfriedhof ist nicht mehr aufzufinden.

© Otto Werner Förster, 2016. Veränderter Text des in den                              Leipziger Blättern Nr. 70 erschienenen Beitrags

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