Freund H. Heine

Eine Betrachtung. Zum 200. Geburtstag Heinrich Heines

(Text von Otto Werner Förster im Auftrag der Leipziger Volkszeitung, 1997. Nicht gedruckt)

Wir sind ein Volk der Jubiläen; je runder und schöner die Jahreszahl, desto heftiger der Jubel. Davor und danach ist ziemliche Stille. Den jubelnden Aufschrei scheinen wir uns schuldig zu sein: Ein Volk der Dichter und Denker.

Das war es nie. Es war immer nur eine Handvoll Beschämter, mit Selbstbewußtsein begabter Humanisten, die ihr Handwerk ins Künstlerische und Philosophische gebracht hatte, also zu einem weiten menschlichen Horizont, Zeiterkenntnis, Zusammenschau auf ethischer und ästhetischer Ebene.

Künstler sind notwendig Humanisten. Weltbürger. Freigeister. Vielsinnige. Das heißt auch Widerspruch, widersprüchlich in sich. Die Schwärme der Einäugigen und Blinden – mögen sie Monarchisten, Nationalisten, Patrioten, Kneipen- oder Schrebergarten-Philosophen heißen – haben viel Unheil angerichtet; das Denken haben sie nur in der Empörung gegen sich bewegt.

Heinrich Heine war ein Widersprüchlicher. Ein deutscher Dichter von der Art, daß kaum ein Kopf heute ist, der ihn auf gleicher Ebene ehren könnte. Der Widerspruch hat ihn zum Dichter gemacht. Jener im Charakter, im Lebensgang, jener zwischen Anspruch und Möglichem. Das heißt auch: entschiedener Einspruch, Eingreifen, Polarisieren bis zum scheinbar Ungerechten. Um gehört zu werden. Denn natürlich hat ihn auch die Zeit gemacht. Die Französische Revolution und die Napoleonischen Kriege, der gefährliche deutsche Stumpfsinn und der preußische Nationalismus, die philosophische und ästhetische Revolution im Deutschland des 18. Jahrhunderts und die gescheiterte soziale von 1848.

Schon zu seinen Lebzeiten, vor allem aber die anderthalb Jahrhunderte danach bis in die Gegenwart, war die Haltung zu Heine immer auch Positionierung. Politische, geschichtsphilosophische, ästhetische. Kein Wunder, daß das deutsche Kaiserreich dem bewußt einseitig mißverstandenen Loreley-»Patrioten« Männerchöre ans Grab schickte (was sich Karl Kraus für Schiller verbat …) und ihn so entschärfte; daß die Nationalsozialisten seine Bücher verbrannten; daß die verschämte und verquere Heine-Rezeption der alten Bundesrepublik vor allem den »Loreley«-Dichter gelten ließ, moralische Diffamierung auch ästhetische nach sich zog, die Düsseldorfer Universität erst 1989 nach dem Juden Heine benannt wurde; daß die DDR vor allem den Marx-Sympathisanten und »Wintermärchen«-Dichter favorisierte, den europäisch denkenden Kritiker von Diktaturen und Hohlköpfen aber weitgehend ausblendete.

Die unterschiedlichen Haltungen und oberflächlichen Mißverständnisse schwelen noch immer. Für Fritz J. Raddatz etwa ist der »politische Heine« noch immer »ein Schemen, dessen Kontur nie ganz auszumachen ist«. Er sieht Heine statisch, festgelegt, gesteht ihm kaum innere Entwicklung zu. Dagegen ist Literatur für Heine eben auch politisches Eingreifen. Das Wort ist die Tat. Wie für seinen Geistesverwandten Johann Gottfried Seume (»Mein Sommer 1805«) zwei Jahrzehnte zuvor:

»… Ich glaube, jedes Buch müsse näher oder entfernter politisch sein (…). Politisch ist, was zu dem allgemeinen Wohl etwas beiträgt oder beitragen soll«.

Das macht Kunst natürlich unangenehm, zur Gefahr. Für die jeweils Herrschenden. Die lieber, aus naheliegenden, eigennützigen Erwägungen, den Status quo recht lange erhalten würden. Also bremsen. Da stört dieses Aufdecken, Bloßlegen, Auffordern zum eigenen Nachdenken, diese antizipierende Eigenschaft von Kunst, von Kultur überhaupt.

Man muß sie beschneiden, kurz halten, zum schmückenden Beiwerk machen.

Harry Heine wurde – wahrscheinlich – am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geboren. Der Wissenschaftlerstreit um das Datum ist müßig. Schule, erste Gedichte, die Universitäten Bonn, Göttingen, Berlin. Aufenthalte in Hamburg und München. Reisen. Die Biographien erscheinen gerade im Dutzend. Darunter die engagierte von Jochanan Trilse-Finkelstein, die marktschreierische von Fritz J. Raddatz und die detailreich-objektivierende von Jan-Christoph Hauschild und Michael Werner.

Für den deutschen Juden Heine war kein Platz in Vaters Land. Auch der heimliche Übertritt zum Christentum half nichts. Bekennender Jude oder Christ war er übrigens nie. Aber er machte auch nie die Religion lächerlich, sondern das System von Unmündigkeit, Unrecht und Unterdrückung, das die Institution Kirche daraus gemacht hatte.

Die dumpfe deutsche Wirklichkeit hat ihn 1831 ins Pariser Exil gedrängt, der damaligen Welthauptstadt der Ideen und Bewegung. Aus dem Abstand folgt die Nähe, die schärfere Sicht auf Deutschland. Heines Schriften fokussieren, treiben die Dinge auf die Spitze. Und sind natürlich Abrechnung mit sich selbst. Etwa in der großartigen »Romantischen Schule«. Die in Paris versammelten geistigen Strömungen bis zur Jahrhundertmitte hat er kritisch begleitet, sich aber keiner hingegeben.

Die geistige Heimat als Weltbürger fand er anderswo, eine Lebensentscheidung: Am 4. Januar 1844 wurde er in die Pariser Freimaurerloge »Les Trinosophes« aufgenommen. Die Biographen wissen damit nichts anzufangen. Heines humanistische, weltbürgerliche, entschiedenem Wirken in der Gegenwart verpflichtete Grundhaltung ist identisch mit freimaurerischen Prinzipien. Bis 1847 sind Logenbesuche vermerkt, dann verhindern die Krankheiten weitere Logenarbeit. Reflektiert hat er nie darüber. Das ist so konsequent wie die bewußtere Wirksamkeit bis an sein Lebensende. Man lese die späten Arbeiten unter diesem Aspekt, beginnend mit dem »Wintermärchen«.

Heine hat sich so seine geistige Selbständigkeit bewahrt. Und konnte Ausblicke geben bis weit über das Jahrhundert hinaus, allerdings, »zwei Stimmen erheben sich in meiner Brust“. Die eine war das schaudernde Ja zur aufkommenden kommunistischen Bewegung,

»… da diese finsteren Bilderstürmer zur Herrschaft gelangen werden; mit ihren schwieligen Händen werden sie erbarmungslos alle Marmorstatuen der Schönheit zerbrechen, die meinem Herzen so teuer sind (…) Und dennoch … übt dieser Kommunismus auf meine Seele einen Reiz aus«.  

Die andere, Voraussetzung für die erstere, war die Stimme gegen »jene falschen Patrioten«, die »idiotische Abneigung gegen das Fremde und gegen die Nachbarvölker«, gegen Selbstsucht, Geldgier, Werteverlust – die kranke Gesellschaft.

Heine tut not. Der sanfte und der scharfe. Das unbestechliche Gewissen. In knapp zwei Jahren stehen 250 Jahre Goethe an. Der liebe Gott oder wer auch immer behüte uns. Vor den Reden der Politiker und vor teutonischen Männergesangsvereinen.

Heine war ein Europäer. Heine tut not.

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