Freimaurer: Die Legende vom Verbot

Es gibt offenbar Leute, denen Aufklärung gar nicht gefällt … Meint ein Historiker.

Im Archiv einer Leipziger Loge liegt eine dicke Mappe mit Austrittsschreiben von Brüdern aus den Jahren 1931/32. Die Begründungen waren angeblich familiäre und gesundheitliche Probleme, wirtschaftliche, Firmenveränderungen usw., alles natürlich vorgeschoben. Denn die öffentliche Hetzjagd gegen alle Selbstdenker lief schon seit mehr als einem Jahrzehnt, betrieben u.a. vom unsäglichen ehemaligen Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff (1865-1937) und seiner Ehefrau Mathilde (1877-1966), noch schlichter im Geiste. Von Mathilde Ludendorff war 1928 die Schrift »Der ungesühnte Frevel an Luther, Lessing und Schiller im Dienste des allmächtigen Baumeisters aller Welten« erschienen, in welcher sie ernsthaft versuchte nachzuweisen, daß »freimaurerisch-jüdische« Verschwörer die drei genannten sowie andere durch Gift ermordet hätten …

Es ging also auch an die Heiligtümer Schiller und Goethe (als Eingeweihter des Mordes an Schiller!), was selbst den Nationalsozialisten zu viel wurde. Sie haben das »Werk« schon 1936 verboten. Die Anschuldigungen spuken heute noch als scheinbar ungeklärte Fragen in manchen Köpfen herum. Die Atmosphäre aber wurde immer drückender. Viele Brüder schieden aus Selbstschutzgründen aus den Logen aus, andere löschten still das symbolische »Licht« bis 1932, um es zu bewahren für bessere Zeiten. Mit diesem Jahr bzw. 1933, mit der freiwilligen Selbstauflösung der meisten Logen, ist das vorläufige Ende der Freimaurerei anzusetzen, nicht 1935.

Ein Teil der »Freimaurer« in ganz Deutschland paßte sich mühelos dem nationalsozialistischen Gedankengut an, sie verleugneten ihr Freimaurertum. So auch in Leipzig. Irritierend ist allerdings, daß auch kirchliche Funktionsträger das Heft in die Hand nahmen, so etwa »Bruder« Paul Rouanet von der Reformierten Gemeinde, Amtsgerichtsrat und 1. Schriftführer der »Minerva«, und der zugeordnete Meister vom Stuhl (Stellvertreter), Pfarrer Rudolf Mühlhausen (Reformierte Kirche).

Abschrift eines publizierten Dokuments:

Gel. Br.!                                                 Leipzig, den 1. April 1933

Die Großloge Deutsche Bruderkette hat ihren Bundeslogen anempfohlen, um dem § 3 des Großlogen-Grundgesetzes eine klare, eindeutige Auslegung zu geben, in ihre Satzungen eine Bestimmung aufzunehmen, daß nur Personen rein deutscher Abstammung Mitglieder der Loge sein dürften. Obwohl wir von jeher in der Minerva grundsätzlich keine Juden aufgenommen haben*, wollen wir unverzüglich die gewünschte Satzungsänderung beschließen …

* Das war eine Lüge: Seit 1869 waren Dutzende »Israeliten« aufgenommen worden.

Es soll folgende Fassung von § 3 unseres Grundgesetzes beschlossen werden:

Abs. 1 wie bisher lautend: Mitglied kann jeder freie Mann von gutem Rufe werden, der volljährig und geschäftsfähig ist.

Abs. 2 neu: Mitglieder der Loge Minerva zu den drei Palmen dürfen nur Männer arischer Abstammung sein, die auf nationalem Boden stehen und christlichen Glaubens sind. Es können daher Juden und Marxisten nicht Mitglieder der Loge sein …                                                              Ihr tr. verb. Br. Rouanet. (Reformierte Gemeinde)

Anordnung des neuen Großmeisters Rudolf Mühlhausen vom 13.04.1933:                     Nachdem Herr Schuldirektor Paul Mensdorf in Leipzig sein Amt als Großmeister der Großloge Deutsche Bruderkette niedergelegt und mich zu seinem Nachfolger ernannt hat, ordne ich hiermit kraft der einstimmig erteilten Ermächtigung Folgendes an:

§ 1. Die Großloge Deutsche Bruderkette gibt die Freimaurerei auf. Sie löst damit alle freimaurerischen Beziehungen. Sie gestaltet sich in einen Bund um, der den Namen führt: Christlicher Orden Deutscher Dom

§ 2. Dieser Bund erstrebt, die sittlich-religiöse Ertüchtigung des deutschen Volkstums und Volksbewußtseins zu fördern, dem deutschen Menschen eine edle Geselligkeit vorzuleben und die allgemeine Wohlfahrt durch Übung von Mildtätigkeit zu unterstützen … 

§ 7. Die freimaurerischen Rituale setze ich hiermit außer Kraft. Sie sind einzuziehen, ebenso alle freimaurerischen Abzeichen. Rituelle Arbeiten haben zu unterbleiben … 

Die freimaurerische Zeitschrift »Die Leuchte« machte sich 1933 im Heft 10/11 über das Umschwenken der deutschen Großlogen lustig, die sich früher empört gewehrt hätten gegen den Vorwurf, keine Freimaurer zu sein, und druckte gemeinerweise einen Brief des Berliner Großmeisters (»Nationaler Christlicher Orden Friedrich der Große«) ab. Zitat:

»Insbesondere fühlen wir uns in unserem Ehrgefühl gekränkt durch den Vorwurf, daß die Ablegung der Freimaurernamen und die Umwandlung der Altpreußischen Großlogen in Deutsch-christliche Orden eine ›Tarnung‹, also eine in irreführender Absicht vorgenommene Verschleierung seien. In Wahrheit haben wir durch unsere Umwandlung nur unser Wesen allen Volksgenossen erkennbar machen und der Verwechslung ein Ende bereiten wollen …«

Wien

1933, 9. April: Bei der Leitung der Großen Landesloge von Deutschland, Deutsch-Christlicher Orden, ist folgendes Schreiben des Reichskanzlers eingegangen:

»Für die mir anläßlich der feierlichen Eröffnung des Reichstags in Potsdam freundlichst übermittelten guten Wünsche und das treue Gedenken spreche ich Ihnen meinen herzlichen Dank aus. A. Hitler«

1933, April: Ordensregel des Deutsch-Christlichen Ordens, u.a.:

»Hiermit bestimme ich…, daß das uralte, arische Zeichen der siegenden Frühlingssonne ›Das Hakenkreuz‹ künftig das Lichtsymbol unseres Deutsch-christlichen Ordens Zur Freundschaft ist. Der Orden wird in Berlin bei festlichen Gelegenheiten die Hakenkreuzfahne neben der schwarz-weiß-roten Fahne hissen …

Man bastelte nun auch an »vor-wodanistischen« Ritualen, gab sich stramm nationalsozialistisch, »arisch« und »judenfrei«Diese charakterlose Truppe wurde 1935 aufgehoben, nicht die – schon aufgelösten – Freimaurerlogen.

Auflösung der nazifreundlichen Orden:

1935, 15. Juli: Mitteilung des SS-Standartenführers Brand und des Regierungsrates Dr. Haselbacher an die Vorsitzenden, auf Anraten der Reichsregierung mit dem 10. August 1935 aufzulösen den:

• Deutsch-Christlichen Orden Sachsen

• Christlichen Orden Deutscher Dom

Nach 1989 erlangten einige Logen ihre Grundstücke selbst wieder; die westdeutschen Großlogen beantragten Restitution für die eingezogenen Immobilien der früheren (echten) Freimaurerlogen in Ostdeutschland, die sich bis 1933 selbst aufgelöst hatten. Man war ja angeblich »Opfer« der Nazis …

So wurden in Dortmund die »Große Landesloge von Sachsen« und die vormals in Leipzig ansässige »Deutsche Bruderkette«  wiedergegründet und in Dresden bzw. Gera bei den Amtsgerichten angemeldet; die durchschauten die Tricks nicht.

Die Logen Minerva und Balduin, in deren Namen die Gründungen auch angemeldet wurden, gab es schon wieder, wurden allerdings nicht informiert …

Bruderkette, Ausschnitt

Als sich ein Bruder über die seltsamen Vorgänge wunderte und Auskunft verlangte, erhielt er schriftliche Antwort von einem Großlogenbeamten (Ausschnitt):

Pohlmann, Ausschnitt

Die neuen Großlogen haben die Grundstücke im Osten Deutschlands zum großen Teil bekommen oder von Kommunen hohe Entschädigungen erhalten, die Grundstücke verkauft und dutzende Millionen Euro eingenommen. Wo ist das Geld geblieben? Wo der Großschatzmeister?

Und wieso etwa ist die alte, humanitäre Leipziger Loge ”Balduin“ Anfang der 90er plötzlich eine ”christliche“ Ordensloge geworden? Fragen über Fragen … Das haben der alte, aufklärerische Anspruch und die ursprüngliche Ethik der Freimaurerei nicht verdient.

Ein Bruder analysierte die heutige Situation der Freimaurerei in Deutschland in einem scharfsinnigen und -züngigen Büchlein (2004): Wirklichkeitsverlust, ordens- und titelbehängte ältere Herren, Kleinbürger, Dilettanten, Wichtigtuer.

Trachtenvereine …

Text u.a. nach: Otto Werner Förster/Günter Martin Hempel, Leipzig und die Freimaurer, Taurus Verlag Leipzig 2009
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