Freimaurer in der DDR ©

Der Meisterhammer liegt auf dem Tisch ...
Der Meisterhammer liegt auf dem Tisch …

Im Osten Deutschlands, vor allem in Mitteldeutschland, waren seit dem 18. Jahrhundert zahlreiche Logen entstanden, in Leipzig (1736), Dresden (1738) und Chemnitz, aber auch in kleineren Orten wie Altenburg (1742), Bautzen, Cottbus, Delitzsch, Eisenach, Erfurt, Freiberg, Gera, Gotha, Grimma, Halberstadt, Halle, Meißen, Merseburg, Schneeberg, Weimar, Wurzen, Zeitz, Zerbst, Zittau, Zwickau u.v.a.

Nach 1945 hatte die sowjetische Besatzungsmacht Lizensierungen für die Wiederbelebung einzelner Logen erteilt, etwa in Leipzig, Dresden, Altenburg, Cottbus, Jena, Meiningen und Weimar. Diese Entwicklung endete 1949 schon wieder. So wurde der Altenburger Loge »Zu den drei Reißbretern« die Arbeit innerhalb des Kulturbunds der DDR angeboten. Die Brüder lehnten ab. Es war ihnen nicht »geheim« genug … Bruder Gotthold Ephraim Lessing, der in einer Hamburger Loge an einem Abend in alle drei Grade aufgenommen worden war, schrieb in seinem Dialog Ernst und Falk: »… Man hat lange genug aus Heimlichkeiten das Geheimnis gemacht …« Dazu muß man wissen, daß Lessing, der ständig als Vorzeigebruder bemüht wird, in einer »irregulären«, nicht anerkannten Loge aufgenommen wurde. Ebenso wie Tucholsky, Ossietzky und viele andere …

Aufnahme in die Loge
»Turner-Riege« seit den 20er Jahren: Zettel / DDR-Jahre über Aufnahme in die Loge

Von einem generellen Verbot der Freimaurerei oder gar einer »Verfolgung« in der DDR nach ihrer Gründung 1949 kann allerdings nicht die Rede sein, wie überkommene Leipziger Dokumente aus den 50er bis 70er Jahren belegen. So begannen sich zu Beginn der 50er Jahre die Leipziger Brüder allmählich wieder zu sammeln, legten Namens- und Adreßlisten an, kamen zu regelmäßigen Treffen zusammen.

Liste der »Turner, 1969

Es betraf allerdings Brüder, die sich bis 1933 aus den Logen zurückgezogen hatten, also die »echten« Freimaurer. Sie wurden von den Nazis nicht verfolgt, nur jene die als politische Gegner in Erscheinung traten (z.B. Tucholsky, Ossietzky). Die gleichen Brüder, insgesamt 48, davon 31 aus der alten »Minerva zu den drei Palmen«, 3 aus der Loge »Balduin zur Linde« und 14 aus kleineren Logen und Orten, hatten schon in den 20er Jahren eine »Turnerriege« gebildet, in der sie nach 1933 nahtlos im Freimaurerkreis weitermachen konnten. Dieser Begriff der »Riege«, auch »Turner«, taucht auch in den Dokumenten bis 1977 auf, mit eher heiterem Akzent, der »Vorsitzende« wurde »Polier« genannt, war also Meister vom Stuhl. Der erste Meister vom Stuhl dieser »DDR-Loge« war der Gewandhausmusiker Albin Frehse. Man traf sich als »Stammtisch« regelmäßig jeden Freitag 17.00 Uhr eine zeitlang im Leipziger »Klub der Intelligenz«, Elsterstraße 35, und in verschiedenen anderen Gaststätten, u.a. in einer Gaststätte »hinter dem Wintergarten«.

Brudertreffen in einer Leipziger Gaststätte, Anfang 70er Jahre
Brudertreffen in einer Leipziger Gaststätte, Anfang 70er Jahre

Aufnahmen (Niepelt) und besondere freimaurerische Feste scheinen in Privatwohnungen stattgefunden zu haben. Meister vom Stuhl waren ab 1962 Joachim K. und ab 1967 bis 1976 Wolfgang N. Die Gruppe machte mit den Ehefrauen, den »Schwestern«, regelmäßige Ausflüge und betrieb einen regen Briefwechsel untereinander, wie auch mit Brüdern in der Bundesrepublik. Selbstverständlich wird der DDR-Geheimdienst von den Aktivitäten gewußt haben; unterbunden wurden sie nie. Hier eröffnen sich Ansätze für weitere Forschungen in den Archiven.

Vor einiger Zeit meldete sich aufgrund unseres Buches der Sohn eines Freimaurers zunächst telefonisch, dann schriftlich, der mir Material schickte:

@Foto ca. 1970, K. G.-D., Sohn eines »Turner«, ehemals Leipzig
@Foto ca. 1970, K. G.-D. (Sohn eines »Turner«, ehemals Leipzig)

Aufgenommen in einem Hotel/Restaurant hinter dem Hochhaus an der Wintergartenstraße, auf der Rückseite hat mein Vater eigenhändig von links nach rechts die Namen verzeichnet:

Personen: Kühnau, – (kein Name), Langkopf, Müller, Muth, Losse, Knothe, Dippmann, Gotthard Große,  nach rechts abgesetzt: Frehse, Frau Knothe (die Person hinter Frehse mit Zigarre, die Person neben Große an der Mauer und die Person sitzend mit Weste neben Frau Knothe sind nicht benannt).

 V. l. n. r.: Wolfgang Niepelt, G. Große, von mir nicht identifizierbare Person. @ K.-D. G
V. l. n. r.: Wolfgang Niepelt, G. Große, von mir nicht identifizierbare Person. @ K.-D. G

»… Als der Kreis der Turner immer mehr schrumpfte, sind Mitglieder einer anderen Loge (Balduin) hinzugekommen. Übrigens trafen sich die verbliebenen Mitglieder in den 60er Jahren auch einige Zeit – nach meiner Erinnerung – in einer Bar [Souterrain] etwa gegenüber der Ruine des ehemaligen Gewandhauses [Im Leipziger Musikviertel: Seit 15. Okt. 1949 Baarmanns Restaurant, aus der Innenstadt umgezogen in die Mozartstraße 1/vormals Wildes Weinstuben, existierte bis in die 60er Jahre, heute Neubau. Recherche W.F.]. Im Leben meines Vaters spielte die Loge eine sehr wichtige Rolle. Ich wusste als Kind allerdings nicht, dass er Logen-Mitglied ist. Mein Vater sprach stets vom »Stammtisch« und von den »Turnern«. Ich fand das als Kind etwas belustigend, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass die alten Herren einmal geturnt hätten. Da ich den Eindruck gewann, dass er sich sehr zurückhaltend in seinen Äußerungen über die Abläufe [Rituale] in der Loge verhält, habe ich mich mit Fragen auch zurück gehalten. Daher entwickelte ich wohl auch nicht das Bedürfnis, in die Loge einzutreten – für mich als jungen Mann waren das alles alte Männer …«

Text und Dokumente nach: K.-D. G., Berlin und Otto Werner Förster und Günter Martin Hempel, Leipzig und die Freimaurer. Eine Kulturgeschichte. Taurus Verlag Leipzig 2009

%d Bloggern gefällt das: