Es waren nicht »die Bürger« … ©

Das »Große Concert«, eine Freimaurergründung. 

Die Gründer des Großen Concerts
© Die Gründer des Großen Concerts

Über Generationen übertrafen sich Musikwissenschaftler mit Spekulationen über die Personen und Absichten der Gründer des »Großen Concerts«, ihre Zugehörigkeit zu Parteiungen, der städtisch-bürgerlichen etwa oder der höfisch-katholischen.

Weder – noch: Es waren Freimaurer, Mitglieder einer humanistischen und sehr diesseitig orientierten Bruderschaft von »Weltbürgern«. Die Freimaurer waren wesentliche Träger der »Aufklärung« genannten gesamteuropäischen Bewegung des 18. Jahrhunderts, es ging um »Licht«, d.h. »Erleuchtung« in den Köpfen, um Beförderung von Kultur und Bildung, Toleranz und Menschlichkeit, auch im Widerspruch zur Generation der eigenen Väter. Am 20. März 1741 hatten sie in einer Wohnung in der Grimmaischen Straße eine der ersten Logen Deutschlands gegründet, die Freimaurerloge »Aux trois compas« (Zu den drei Zirkeln).

Alte Haustafel vom Gasthof »Goldenes Schiff«, ehemals Große Fleischergasse 12. – © Foto: Otto Werner Förster
Alte Haustafel vom Gasthof »Goldenes Schiff«, ehemals Große Fleischergasse 12. – © Foto: Otto Werner Förster

In den folgenden Jahren trafen sich auch die inzwischen neugegründeten Logen – Minerva zu den drei Palmen, Balduin, Apollo – öfter im Hinterzimmer des Gasthofs »Goldenes Schiff«.

Vor allem junge Leute waren es, Bürgersöhne ebenso wie Söhne alter Adelsfamilien, aus Sachsen, Preußen, Frankreich, den Niederlanden, Bremen und Danzig: Der Kaufmann Pierre Jaques Dufour etwa und der calvinistische Geistliche Jaques de Perard, der Buchhändler Johann Friedrich Gleditsch und der Rauchwarenhändler Gottlieb Benedict Zemisch, Carl Heinrich Schwabe und Johann Ernst Gotzkowsky, der Vertraute Friedrichs II., Johann Gottfried Peinemann, von Dieskau, von Schönfels, von Ponikau u.a.

Zemisch Ayrerische Sammlg

© Gottlieb Benedict Zemisch, Schattenriß

»Zemisch nahm 1741 die Bildung einer neuen Konzertgesellschaft in Angriff …« (Philipp Spitta, Bach, 1873). Der erste Schlesische Krieg hat das verzögert; erst am 11. März 1743 trat die Konzertgesellschaft an die Öffentlichkeit, »16. Personen so wohl Adel als auch bürgerlichen Standes, wobey jede Person jährlich zu Erhaltung deßelben 20. Reichsthaler erlegen mußte …« (Riemersche Chronik). Neben Zemisch beteiligten sich selbstverständlich die anderen Brüder.

Zemisch richtete im Gasthof »Zu den drei Schwanen« am Brühl im Hof einen Konzertsaal ein. Dort tagte gelegentlich auch die Loge. So am 19. Juni 1755, wie ein Protokoll ausweist:

»Die Brüder kamen Mittags um 12 Uhr auf dem Concert-Sahle in denen 3 Schwanen zusammen. Es wurde die Armen-Büchse eröfnet und befand sich darinne 1 Reichsthaler 22 Groschen, so dem Bruder Zehmischen zugestellet wurde. Alsdann wurden die Logen-Rechnungen durchgegangen und für richtig befunden. Hierauf wurde zu der Wahl eines neuen Meisters geschritten, und der sehr Ehrwürdige Bruder Dr. Stieglitz, so protocolliret, zum Neuen Meister erwehlet. Die Brüder speiseten unter Trompeten und Pauken-Schall zusammen, und es fanden sich noch bey der Tafel Bruder Rosenzweig und Bruder Bose ein.«

1778 wurde das »Große Concert« geschlossen. Die meisten Unterstützer waren gestorben, im Ausland oder inzwischen mittellos. Gottlieb Benedict Zemisch starb 1789 verarmt in einer kleinen Wohnung am Ranstädter Tor. 1781 aber eröffnete der Bürgermeister und Freimaurer Carl Wilhelm Müller, unterstützt von den Brüdern Johann Carl Friedrich Dauthe, Baumeister, dem Akademiedirektor Adam Friedrich Oeser u.a. einen neuen Konzertsaal am Alten Neumarkt (heute Universitätsstraße, Städt. Kaufhaus).

Die Leitung des Leipziger Gewandhausorchesters lag seit seiner Gründung bzw. des Vorläufers »Großes Concert« die nächsten 100 Jahre in den Händen von Freimaurern. Das Gewandhaus-Direktorium, zahllose Gewandhausmusiker bis 1933 waren Logenbrüder. Die wichtigsten Orchesterstellen – 1. Konzertmeister, Solocellist und Musikdirektor – besetzten Logenmitglieder.

Freimaurer waren übrigens jeweils nur 0,1 bis 0,2 % der Bevölkerung! Diese wenigen aber prägten im 18. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den guten Ruf und die Kultur einer ganzen Stadt. Und gründeten eben u.a. neben Freischulen für Jungen und Mädchen und dem Alten Theater auch das heute weltberühmte »Gewandhausorchester« …

Im Gewandhausmagazin Nr. 34/2002 hat der Autor die wirklichen Hintergründe erstmals in einem Beitrag dokumentiert

P.S.: Am 20. März 2010 ist diese alte, erste mit Dokumenten belegte Loge »Zu den drei Zirkeln« in Leipzig wiedergegründet worden.

© Otto Werner Förster

%d Bloggern gefällt das: