Ernst Gebhard Salomon Anschütz ©

(28. Okt. 1780 Goldlauter/Suhl ­– 18. Dez. 1861 Leipzig)

Anschütz 1

Ernst G. S. Anschütz (©Museum Suhl)

Anschütz war schon 1798 aus dem Thüringer Pfarrhaus in Goldlauter (heute ein Stadtteil von Suhl) nach Leipzig gekommen, um sich am 27. April für das Theologiestudium einzuschreiben – wie Jura, neben Theologie das übliche Studium für die ärmeren Bevölkerungsschichten.

Auch nahm er Generalbaß-Stunden beim Thomaskantor Johann Gottfried Schicht. Anschütz spielte Klavier, Orgel, Violine, Viola, Cello und Klarinette. Und das Leben in Leipzig war teuer, so daß der Magister und Dr. phil. Anschütz Musikunterricht bei den Kindern reicher Familien gab. Er komponiert u.a.: »Wenn ich ein Vöglein wär‘«, »Fuchs, du hast die Gans gestohlen«, »Es klappert die Mühle am rauschenden Bach« – zeitlose Volks- und Kinderlieder, publiziert beim Freimaurer-Bruder Carl Heinrich Reclam, dem Vater des berühmteren Verlegers Anton Philipp R. Im gleichen Verlag erscheint 1824 ein »Hit« in der noch heute gebräuchlichen Fassung:

»O Tannenbaum«. Die Melodie ist eine sehr alte; der Text vom Potsdamer Schulmeister Johann August Zarnack (1819), eine etwas schwülstige Liebesklage, wurde verändert.

Seit dem 19. April 1799 ist er Hilfslehrer an der vom Buchhändler und Freimaurer-Bruder Johann Wendler (*1713 – †1799) gegründeten Freischule und ab 1806 an der 1. Bürgerschule auf der Moritzbastei. 1809 wird er in der Loge »Apollo« aufgenommen.

Anschütz, Apollo

Als er sich an der Bürgerschule Zittau für die Direktorenstelle bewirbt, meint der Bürgermeister: »Von dem kann gar nicht die Rede seyn, denn das ist ein Freimaurer …«

Trotz der unsicheren beruflichen Situation heiratet er 1812, wohnt mit seiner Frau Maria am (Neuen) Neumarkt Nr. 631, »zwischen Gewandhaus und Kramerhaus«, heute Areal des Städtischen Kaufhauses. 1821 wohnt er in der Nikolaistraße, hinter der NIkolaischule:

Anschütz-Haus 1821-24

Acht Kinder werden geboren. Emmerich Fingal der zweite Sohn, wird einmal Meister vom Stuhl seiner Loge »Apollo«. Anschütz hat eine Schwäche für ausgefallene Namen …

Anschütz führt von 1807 bis zu seinem Tod 1861 täglich Tagebuch. Das Original ist mit dem Familienarchiv am 4. Dezember 1943 in der Wohnung des Urenkels Rolf Anschütz, Reichsstraße 15, verbrannt. Wenige Teilabschriften sind erhalten, so »Die Leipziger Schlacht« von 1813, gedruckt 1924 vom »Leipziger Bibliophilen-Abend«. Ich half, eine Menge Blessierte in die Schneiderherberge [südl. Thomaskirchhof] zu bringen …«.

Auch ein Protokoll der Hinrichtung Woyzecks auf dem Leipziger Markt ist veröffentlicht. Und ein kurzer autobiographischer Text, in dem er bekennt: »Ein großer Theil der Tätigkeit meines Lebens gehört der Freimaurerei an …«

Anschütz wird 1818 Kantor und Organist an der Georgen-Kapelle (östl. Brühl, abgerissen 1871 für die Allgemeine Deutsche Creditanstalt …) und Organist an der Neukirche (Matthäikirche). Seine Lieder und Liedsammlungen werden gedruckt, drei Bände Lieder etwa für Volksschulen verbreiten sich schnell über die deutschen Länder. Da es noch kein Urheberrecht gab, wurden seine Texte und Melodien schamlos nachgedruckt, verändert, unter anderen Namen publiziert. »Es ist aber im Leben immer mein Schicksal gewesen, daß wo ich … gepflanzet, andere die Früchte pflückten …«

1. Bürgerschule

Seine Lieder, am Stehpult geschrieben, sind als Volkslieder weitergetragen worden, seine schlichten, eingängigen, stimmigen Texte ragen deutlich heraus aus der Masse lyrischer Absonderungen der Zeit: Fast jeder glaubte, reimen zu müssen, und selten zum Ruhme der Dichtkunst. Neben seiner Tätigkeit als Musiker und Lehrer – seit 1836 fest angestellter und beliebter Klassenlehrer an der 1. Bürgerschule auf der Moritzbastei – brachte er seine Kenntnisse und Fähigkeiten in das Kulturleben der Stadt ein, in Vereine und Gesellschaften: Anschütz war Mitglied der in der Petersstraße tagenden Schachgesellschaft, Gründungsmitglied des geselligen Vereins »Erholung« im »Weißen Roß« am Brühl – mit den Freimaurer-Brüdern Carl Heinrich Reclam und Albert Geutebrück.

Ostern 1849 erhielt Anschütz »eine freundliche Pensionierung«. Da wohnte er schon etliche Jahre am Pleißemühlgraben: »An der Wasserkunst Nr. 803« (später = Nr. 4), heute das Areal der Grünanlage Harkort-, Ecke Tauchnitzstraße. Dort ist Ernst Gebhard Salomon Anschütz auch gestorben, am 18. Dezember 1861. Begraben wurde er auf dem Neuen Johannisfriedhof, der seit 1983 eingeebnet ist und »Friedenspark« heißt. Die Grabstellen sind erhalten, aber unkenntlich, die Grabdenkmale wurden zu einem Rodelberg aufgetürmt ­–­ die ewige Barbarei der Kleindenker.

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