Der »Geisterseher« Johann Georg Schrepfer. Die Legende vom Selbstmord, 1774 ©

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Wie man Hochstapler wird

(© Text und Bilder/Dokumente)

»Ich zweifle mit Grund, ob Jemand die Sache genauer untersucht habe. Eine gerichtliche Untersuchung, wie solche von der Landesregierung eingeleitet werden will, wird unmöglich angestellt werden können, ohne daß dabei Ihro Königl. Hoheit der Herzog von Curland überall mit ins Spiel gezogen, mithin in der Folge Ihro Churf. Durchl. Selbst in unausbleibliche Verlegenheit gesetzt werden …«
Die »Sache«, das war der »Selbstmord« des Kaffeehauswirts Johann Georg Schrepfer am 8. Oktober 1774 im Leipziger Rosenthal, unter sehr mysteriösen Umständen und mit ebensolchen Hintergründen, im Beisein zweier Kammerherren des Herzogs, zweier Kaufleute und eines Advokaten. Alle Mitglieder von ein wenig obskuren Logen.
Friedrich Ludwig von Wurmb, sächsischer Konferenzminister, hatte größtes Interesse daran, von weiteren Ermittlungen in der »Sache« dringend abzuraten. Er war selbst bis über die Ohren darin verwickelt. Sein langer Bericht an den erst dreiundzwanzigjährigen sächsischen Kurfürsten Friedrich August III., den Neffen des Herzogs von Kurland und Sohn des früheren Kurfürsten, der als Friedrich August I. später der erste König von Sachsen wurde, verschweigt mehr, als er erhellt: vor allem Hintergründe und Beteiligte.
Wurmbs Schreiben führte zum gewünschten Ergebnis: Weitere Untersuchungen fanden nie statt, das mißtrauische untersuchende Leipziger Gericht wurde gestoppt, die Affäre vertuscht. Der Skandal war so schon immens, für den Dresdner Hofadel, Leipziger Großkaufleute und Ritter spielende Geheimniskrämer. Gezielte Falschinformationen, der große »Volksmund« und voneinander abschreibende Autoren bis in unser Jahrhundert haben die Geschichte nicht durchschaubarer gemacht.
Johann Georg Schrepfer war einer jener schon in der zeitgenössischen Literatur des 18. Jahrhunderts oft genannten und heiß diskutierten Hochstapler und »Geisterseher«. Schrepfer hat seine wahre Herkunft im Dunkeln gelassen, dafür Legenden gestreut, die bis heute ständig weiter ausgeschmückt und variiert wurden.

Schrepfer, Taufbuch
© Taufbucheintrag Schrepfers: 26. März 1738 (Landeskirchl. Archiv der ELKB, Nürnberg / St. Sebald)

Die erste belegte Nachricht über ihn ist der Taufbucheintrag in der Nürnberger Stadtkirche St. Sebald vom 26. März 1738, als 8. Kind des Gastwirts »Zum Roten Roß« am Weinmarkt 14. Also weder ist er 1730 geboren, noch 1739, wie überall zu lesen steht. Seltsam ist es allerdings schon, daß im Laufe von mehr als 240 Jahren niemand je in Nürnberg nachgefragt hat.
Der Vater Johann Schrepfer war 1744 Wirt zum Goldenen Lamm in der Nürnberger Breite Gasse 58. Um 1753 scheint er konkurs gegangen zu sein. Eine Zäsur für die ganze Schrepfer-Familie, ein sozialer Abstieg, und wohl ein Grund, daß sich die drei Söhne aus der Stadt absetzten. Johann Georg Schrepfer taucht um 1760, mitten im Siebenjährigen Krieg, in Leipzig auf. Nach Johann Samuel Benedict Schlegels »Tagebuch seines mit J. G. Schrepfer gepflogenen Umgangs« war er »ein großer, untersetzter, wohlgebildeter, gutgewachsener, kurz ein schöner, ansehnlicher Mann«, aber »er handelte überhaupt ohne alle Ueberlegung, öfters aufs Ohngefähr, und ohne Rücksicht auf die Folgen …«. Solche Figuren in vielerlei Gestalt kommen uns merkwürdig bekannt vor. Sie ziehen durch die Jahrhunderte. Selbst bis in unser 21. haben sie auf ihren kriminellen Zügen Millionenschäden hinterlassen. Auch in Leipzig.
Im Jahre 1760 war die Stadt wieder einmal von preußischen Truppen besetzt. Schrepfer hätte also gut Husar in preußischen Diensten gewesen sein können – wie man sagte und er offenbar selbst verbreitete, denn es gibt dafür keinerlei Beleg. In Schlegels »Tagebuch« ist nach Erzählungen anderer auch das benannt: »In seiner Jugend soll er preußischer Husar gewesen seyn, nachher wurde er Kaffeeschenk in Leipzig …«. Später wurde es als Gewißheit weiterverbreitet. Dem fünzehn Jahre älteren sächsischen Konferenzminister und Direktor der Landes-Ökonomie-Manufaktur- und Kommerziendeputation, Friedrich Ludwig von Wurmb, hatte er allerdings eine andere Version erzählt: »Im letzten Kriege habe er als Husaren-Rittmeister unter den kaiserlichen Truppen gedient und viele Wunden empfangen, aber seinen Major im Duell entleibt. Auf Befehl seines Vaters habe er auf eine Zeitlang seinen Stand ganz ablegen müssen …«. Schrepfers »Vater« war hier angeblich der französische Prinz von Conti. Wollte Schrepfer nun in preußischen oder in kaiserlichen Diensten gewesen sein, einfacher Husar oder Rittmeister? Den Vater Schrepfers kennen wir schon, siehe oben, durchaus kein Prinz. Und die zahlreichen in den Kämpfen erlittenen Verwundungen, von denen er Herrn von Wurmb erzählte, hatten offensichtlich keinerlei Spuren hinterlassen, wie der Obduktionsbericht 1774 feststellte: »Der Körper selbst war wohlgebaut, und gut genährt, auch an demselben nirgends Narben, oder Merckmahle ehedem zugefügter Verletzungen zu bemercken …«

Schrepfer hatte Kindheit und Jugend in den Kneipen seines Vaters zugebracht. In dessen Gasthöfen hat er sicher auch als Kellner gearbeitet. Und so ging es in Leipzig weiter. Seit Beginn der 60er Jahre verzeichnet ihn das Adreßbuch als – offenbar angestellten – Weinschenk im Böttchergäßchen, »in Herrns Hause«. Johann Heinrich Herr, Viertelsmeister der Leipziger Schneiderinnung, war am 20. September 1761 sein Schwiegervater geworden, als er dessen Tochter Johanna Catharina in der evangelischen Nikolaikirche heiratete. Über fast ein Jahrzehnt ist dann nichts Näheres zu ihm überliefert, abgesehen von den Adreßbüchern. Auch die Nachricht, daß er »dienender Bruder« in einer Leipziger Loge gewesen sei, ist eine Erfindung. Er beantragt und erhält am 20. März 1769 eine städtische Konzession für »Billard-Spiel auch den Thee- und Coffee-Schanck«, denn er habe »das Weislederische Coffeé-Hauß im Barfüßer Gäßgen an der Ecke der Closter Gasse gekaufft und wollte dem von Weisledern bis dero darinne getriebenen Coffeé-Schanck continui tun …«. Mit dem Geld, dem guten Namen seiner Frau und Krediten. Das Grundstück im Barfußgäßchen ist seit 1841 Adresse von »Zill’s Tunnel«. Der Siebenjährige Krieg lag noch nicht einmal acht Jahre zurück. Das Land war wieder einmal ausgeplündert von den Truppen des Preußenkönigs Friedrich II., verwüstet, die sächsische Bevölkerung um 140.000 dezimiert. Sachsen hatte noch über Jahrzehnte die hohe Staatsverschuldung abzutragen. »Furchtbare Teuerung«. Krisenzeiten. Hoch-Zeiten für Kriegsgewinnler und Kriminelle, Heilsversprecher, esotherische Bewegungen und religiöse Fanatiker. Mitten im scheinbar so aufgeklärten 18. Jahrhundert, von dem wir gern nur die gewaltigen Kulturleistungen wahrnehmen und eine Handvoll Namen rezitieren: Bach, Kant, Lessing, Goethe, Schiller, Mozart. Vielleicht noch Moses Mendelssohn … Aber: Es brodelte und tobte in diesem Jahrhundert.
Georg Schrepfer mußte sich also etwas einfallen lassen, um zu überleben, neue Gäste anzuziehen, den sozialen Aufstieg zu erreichen. Die Geschäftsidee war seine »Loge der ächten Maurerey«. Bewußt gesetzt gegen die hiesige großbürgerliche Freimaurerloge auf »Tempelherren«-Abwegen.

Auf den Schaumkronen des Zeitgeistes …
Schrepfers »Loge der ächten Maurerey«

Als regulärer Freimaurer ist er nie aufgenommen worden; zumindest hat man in den vergangenen zwei Jahrhunderten Forschung nichts gefunden. Das Protokoll der Eröffnung seiner ominösen Kisten, hier erstmals veröffentlich, beantwortet diese Frage: In einer der Kisten lag
»… ein an die Loge du Perfait Silence de St. Magdalena unterm 4ten Septbr: 1766 ausgestelltes, aber mit dem Siegel der Loge des Vrais Amis versehenes Attestat des Bruders Johann Christoph Frommer von Langensalza bürtig und der Katholischen Apostolischen nicht römischen Religion sich bekennend, wes gestalt derselbe die 3 ersten Grade du Maçonnerie erhalten habe«.

Ein offenbar gestohlenes Schriftstück, mit dem Schrepfer allerdings in Sachsen und den thüringischen Herzogtümern kaum etwas anfangen konnte, denn man kannte sich. Mitte Januar 1773, nachdem schon eine Reihe abgewiesener Annäherungsversuche und Sticheleien Schrepfers vorgefallen waren, stellte man ihn in der »Minerva« zur Rede.
Schrepfer kannte die Menschen und ihre Schwächen, die Szene der Logen und Geheimbünde, die verbreitete Neigung zu Gerüchten und Mystischem. Er nutzte das, ein Maß kannte er nicht. Er surfte sozusagen auf den Schaumkronen des Zeitgeistes, jonglierte dabei mit Begriffen und Botschaften, das mit dem bestimmten Auftreten eines scheinbar Wissenden, und fand schnell Bewunderer und Anhänger. Ein früher Glaube an selbsternannte »Experten«. So trug man seine dunklen Andeutungen weiter, interpretierte sie und gab ihnen den Anschein von Fakten.
Die Legende, daß er von den Jesuiten gestützt worden wäre, hat er auch selbst in die Welt gesetzt und befördert. Und sie wurde durch fast alle Autoren von Schrepfer-Beiträgen weitergetragen. Schriftlich fixiert, taucht sie erstmals beim Kabinettsminster und Schrepfer-Anhänger Friedrich Ludwig von Wurmb auf. Die Hinlenkung auf die Jesuiten war ein durchaus pfiffiger Einfall Schrepfers, denn der christlich-fundamentalistische Orden war von Papst Clemens XIV. schon am 21. Juli 1773 aufgehoben worden. Die kurfürstliche und spätere königliche Familie der Wettiner war seit August dem Starken aus machtpolitischen Gründen katholisch und hatte auch bis zum Schluß Jesuiten als Beichtväter. Schrepfer konnte also auf offene Ohren rechnen, und er verwischte damit die Spuren zu einem echten Geheimbund der Zeit: Den Gold- und Rosenkreuzern. Die hatten sich um die Mitte des Jahrhunderts von Wien, Prag und Süddeutschland aus aufgemacht, dem ketzerischen protestantischen Norden wieder die »reine Lehre« überzuhelfen, die Aufklärer zurückzudrängen mit ihrer »Irreligiosität«, ihren ketzerischen Ansichten über ein gerechtes Staatswesen und die Kirche, ihrem Eintreten für Bildung und Kultur, was natürlich das gleiche ist. In diesem Falle, indem sie die wesentlich die Aufklärung tragenden Freimaurerlogen unterwanderten, um sie von innen heraus aufzuweichen und unschädlich zu machen.
Schrepfers sogenannte Logenarbeiten, die Rituale, die Begriffe, die Magie, die Kabbalistik, die Symbolik usw. verweisen auf die Rosenkreuzer. Und seltsamerweise machte er öftere und längere Reisen nach Frankfurt am Main und nach Berlin. Beide neben Nürnberg – in der Geheimsprache der Rosenkreuzer »Amsterdam« – zentrale Orte für die neue Missionstätigkeit des Geheimbunds. Und: Eine Reihe seiner Anhänger wurde nach seinem »Selbstmord« im Leipziger Rosenthal ab 1779/1780 Zirkelleiter der Rosenkreuzer in Sachsen und Preußen, was man erst mit dem siebenten Jahr der Mitgliedschaft werden konnte – der Kammerherr des Herzogs von Kurland, Johannes Rudolph von Bischoffswerder; der Kabinettsminister Friedrich Ludwig von Wurmb in Dresden; der Berliner Johann Wilhelm Bernhard von Hymmen; der Wirt im Leipziger Kaffeehaus »Großer Joachimsthal«, Johann Heinrich Zimmermann; der Leipziger Großkaufmann François DuBosc, der Advocat Johann Heinrich Hoffmann. Fast alle waren sie in die spätere Affäre eingebunden bzw. waren bei Schrepfers Gang ins Rosenthal dabei … Nicht die Jesuiten waren es also, in deren Geist Schrepfer zunächst wirkte, sondern die Gold- und Rosenkreuzer.
»In seiner neu errichteten Loge suchte er die Geheimnisse des [Freimaurer-]Ordens herabzusetzen und lehrte, daß seine magischen Arbeiten eigentlich der Hauptzweck des Ordens wären. Die Loge wurde hierauf in ein Beschwörungszimmer verwandelt, und der neue Meister citirte seinen lehrbegierigen Schülern eine Menge Personen aus den alten und neuern Zeiten. Bey diesen Erscheinungen wurde als ein Beweis der Wirklichkeit derselben bemerkt, daß die erschienenen Gestalten geredet und sich bewegt hätten, aber nicht stille stünden, sondern nur schwebten, zuweilen ließen sie sogar ein gräsliches Geschrey und Brüllen von sich hören. Dies alles bewerkstelligte Schrepfer durch seinen mit ihm einverstandnen Marqueur [Kellner, Helfer beim Billardspiel]. Dieser allein konnte nicht alle Rollen spielen, er hatte noch einige andere Subjekte dazu, wo der eine ein sehr guter Bauchredner war. Er wußte überdies Zeit, Umstände und Gelegenheit so gut zu benutzen, und seine Zuschauer so gut auszusuchen, daß anfänglich niemand leicht auf seine Schliche kommen konnte, und er von seinen vertrauten Jüngern als ein neuer Prophet betrachtet wurde. Bey der Citation selbst, welche niemals vor Mitternacht vorgenommen wurde, durfte keiner aufstehen, damit sie nicht gewahr würden, was in dem von Rauch angefüllten Zimmer vorging. Außerdem bediente er sich noch des Segensprechens, Weihwassers, einiger Krucifixe und anderer Ceremonien der katholischen Kirche. So citierte er z.B. die beyden enthaupteten Grafen Struensee und Barnd, und sie erschienen mit dem Kopfe unterm Arme, und in der Kleidung, die sie an dem Tage ihrer Hinrichtung angehabt hatten.
Schrepfer ging bey der Citation nicht von der Stelle, seine Zuschauer saßen fest und unbeweglich am Tisch, und dennoch ließ sich bey der Ankunft der Geister ein Geräusch, zuweilen ein großer Lärm und wiederholtes Pochen an der Thüre des Zimmers hören, dies erklärt sich aber leicht durch dasjenige, was schon oben gesagt worden ist, daß nämlich sein ältester Marqueur mit ihm unter eine Decke steckte und die Rolle des Geists spielte.
Schrepfer theilte seine magischen Arbeiten in 2 Klassen, in die pneumatische, wo Geister erschienen, und in die elementarische, wo in finstern Zimmern auf seine Beschwörung jede verlangte Person in einem andern Lichte erschien, ferner warf ein von ihm beschworener Stern sogleich ungewöhnliche und dicke Strahlen, und in einem Wald ließ er Sturmwetter entstehen, große Knalle und andre Dinge hören. Dies erklärt sich alles durch die Camera obscura, oder auch durch die Einbildungskraft der durch Punsch erhitzten Zuschauer«.
Die Wirkung auf seine Jünger war entsprechend. Manch einer wurde ohnmächtig, geriet in Wahnzustände. Peter Friedrich Graf von Hohenthal, Erbherr auf Püchau und späterer sächsischer Konferenzminister, hat bis zu seinem Tod 1818 an die magischen Kräfte Schrepfers geglaubt. Immer mehr Brüder der »Minerva« liefen ihm zu, der offensichtlich über die wahren Geheimnisse verfügte. Die helleren Köpfe wetterten öffentlich über das Treiben der Gold- und Rosenkreuzer, so Adolph Freiherr von Knigge in der Schrift »Über Jesuiten, Freymaurer und deutsche Rosenkreuzer« (1781).
Schrepfer hatte nun genügenden Rückhalt; die Unterwanderung der »Tempelherren«-Loge war schon im Gange. Er konnte zum Frontalangriff übergehen, damit die hochmüthigen »Minerva«-Funktionsträger ihn, den Kaffeehauswirt, endlich als ebenbürtig akzeptieren würden. Ihn, den »Schott der Macht und Gewalt«. Eine Formel aus Schriften der Gold- und Rosenkreuzer, vermischt allerdings mit dem »Schott«, dem Templer, der in Schottland die Freimaurerei ins Leben gerufen hätte. Vor einigen Jahren ist eine zeitgenössische Handschrift gefunden worden, die in 51 Artikeln »Schröpfers Lehre im Auszuge« enthält.

»Mit unserm System ist es aus …«
Die »Minerva« in Nöten

Die erst 1766 als Tempelherrenloge der Strikten Observanz gegründete »Minerva zu den drey Palmen« war aufgescheucht durch die Vorgänge und tagte in immer kürzeren Abständen, zumeist im kleinen Kreis der Logenleitung in Privatwohnungen. Der erste Auftritt Schrepfers in der Loge war am 15. Januar 1773. Man ließ ihn durch Schlegel holen, »des morgens um 10 Uhr, in der Feuerkugel, in des Herrn Cammerrath Dubosc Wohnung«. Der weiträumige Gebäudekomplex »Große Feuerkugel« stand am Neumarkt, auf dem Areal eines heutigen Kaufhauses. »… So bald Schrepffer ins Zimmer trat, schlug er mit den Armen und geballten Fäusten sich X weiß auf die Brust, und sagte: Meine Herrn, sie haben mich herberufen, bey Gott dem Dreyeinigen, ich bin wahrer Schott der Erkenntniß und Gewalt. Ich kenne die Cassia, und hiermit riß er sich die Brust auf, wo er ein länglich golden † hängen hatte. Der Präfect nahm hierauf mit dem Canzler das Wort, und sagte ihm: Man habe mit Erstaunen vernommen, daß er uns für Betrüger halte, welche für Kindereyen Geld nähmen, man wolle ihm wohlmeynend rathen, von einer so respectablen Gesellschaft als die Freymaurerey in Sachsen, mit welcher sich sogar die Prinzen vom Hause abgäben, gar nicht, oder mit geziemendem Respect zu reden. Vor der Hand wolle man seine Uebereilungen weder untersuchen noch bestrafen, wenn man aber etwas weiter erführe, würde man eine Affaire für die Bedienten daraus machen … man ermahnte ihn zu der ihm so sehr mangelnden Höflichkeit und Mäßigung und entließ ihn …«

Große Feuerkugel

Die Schrepfer-Literatur hat daraus einen dramatischen Auftritt gemacht, mit gezogener Pistole und Drohungen und der Absetzung des Meisters vom Stuhl durch Schrepfer. Für ihn war die Befragung allerdings eine weitere Demütigung. Aber etliche Minerva-Brüder hatte er schon auf seiner Seite. Die instrumentalisierte er nun für seine Zwecke …
Wieder hektische Versammlungen der »Minerva«, um gegen die »Gefahr von der Schrepfferschen Bosheit« ein Mittel zu finden. Das Mittel war die erbettelte »Hülfe von Hohem Orte«, also vom Herzog von Kurland, dem man umgehend schrieb.

Carl Herzog von Curland

Schrepfer hatte parallel eine Kopie seines Briefes an Albert Christian Heinrich Graf von Brühl nach Dresden geschickt, auch dieser ist bei Schlegel abgedruckt. Schrepfer wußte offenbar, daß der Graf, ein Sohn des berühmten und berüchtigten Ministers Augusts des Starken, als hoher Würdenträger des »Tempelherren-Ordens« auch eng mit dessen geistlichem Arm, dem »Klerikat« und also mit den Rosenkreuzern verbunden war. Vier Wochen später erlaubte er sich auch eine kleine Neckerei, die die Minerva-Ritter und deren Meister in ziemlich machtloser Position traf:
»… Diesen Abend hat die Schrepffersche Gesellschaft Abends um 9 Uhr, da sie vermuthlich von Eutritzsch lustig zurück gekommen, sich das Vergnügen gemacht, unter dem Fenster des Hrn. C. D. a Noctua, und des Hrn. ab Agro das Meisterlosungswort zu wiederhohlten Mahlen ganz vernehmlich auszurufen.« (heute: Petersbogen/Petersstraße 42)
Die Antwort des Herzogs von Kurland und der Ordensoberen auf den Hilferuf der »Minerva« war beschwichtigend. Die Minerva reagierte hektisch. Sie brachte das Archiv mit den gefährlichen Unterlagen in Sicherheit und verhielt sich über Wochen still, versuchte gar mit Schrepfer eine gütliche Einigung zu finden. Schrepfer aber triumphierte. Der Sekretär der Loge, Dr. jur. Georg August Marché, philosophierte, »daß vielleicht die ganze hiesige Maurerey ihre Endphase erreiche …«
Im Jahrgang 1775 machte sich Moses Mendelssohn, übrigens Vorbild für Lessings »Nathan« und Großvater des Komponisten und Leipziger Gewandhauskapellmeisters, im Rahmen einer Rezension »Anmerkungen über einen schriftlichen Aufsatz, die Wunderthaten des berüchtigten Schröpfers betreffend«, Gedanken über die technischen Hintergründe der »Geisterseherei«. Moses Mendelssohn, ein Zeitgenosse Schrepfers, ein denkender. Die »Zauberlaterne« heißt heute Diaprojektor. Dabei ist es bis heute gar nicht so einfach, auf Rauch, Nebel, Dampf Bilder zu projizieren. –

Laterna magicaLaterna magica – Apparat, mit dem auf Glas gemalte Bilder auf Rauch projiziert wurden (nach Johann Georg Krünitz: Oekonomisch-technologische Encyklopädie … , Berlin (Pauli), ab 1773

 

In der Nacht zum 4. September begann Schrepfer, seine Drohungen, die »Heimlichkeiten« der Minerva zu veröffentlichen, wahr zu machen, und verteilte 40 Zettel in der Stadt.»Die Minerva zum drey Palmen in Homans Hauß vier Treppen hoch, nimt aber mahls zwey jungen Leuten, einen jeden sieben Louis’dor ab, wenn sie zuvor bey dem Allmächtigen Gott geschworen, so sehen sie ein Kinderspiel, erhalten das Wort B o a s aus dem Tempel S a l o m o n i s, sind aber dabey so unwißend, als bey dem ersten Wort J a c k i n, binnen Acht Tagen soll noch mehr entdeckt werden, ein jeder vernünftige Mann behalte seyn Geld, denn er erfährt nichts, so wie man auch im Sechsten Grad nichts weis. J. G. S. Sic transit gloria mundi [So vergeht der Ruhm der Welt].«

Schlegel, Tagebuch
© Schlegels Tagebuch, Original im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig

Homans Hauß, das war Hohmanns Hof, eines der innerstädtischen Grundstücke der Familie von Hohenthal, heute die Messehof-Passage von der Petersstraße zum Neumarkt.
Schrepfer hatte Tatsachen verbreitet, »Heimlichkeiten«, die kein Außenstehender erfahren sollte, und dazu noch die Wucherpreise genannt. Damit war die großartige Fassade des Rittervereins ziemlich angekratzt. Aber er hatte sich zunächst ein Stück zu weit vorgewagt.

Ein Märchenprinz im Lügenrausch

Schrepfer unternahm nun ausgedehnte und kostspielige Reisen, u.a. nach Frankfurt am Main, Berlin und Sagan – Zentren des expandierenden Gold- und Rosenkreuzer-Ordens.
Vom Herzog von Braunschweig als Freimaurer anerkannt, mit ungehindertem Zugang zu allen Logen, wenn auch mit Unterstützung der Klerikat- und also rosenkreuzerischen Brüder, hätte Schrepfer eigentlich Ruhe geben können. Das reichte ihm offensichtlich nicht; er begann mit der Eroberung Dresdens. Die dortige Ordensloge »Zu den drei Schwertern« war eine reine Hofloge mit mehr als 200 Mitgliedern seit 1762.
Im Frühjahr 1774 taucht er beim Minister von Wurmb auf, der vom Grafen Bünau »außerordentliche Sachen« über ihn gehört hatte. Wurmb schreibt in seinem Bericht an den Kurfürsten, Schrepfer »sei schon vor einigen Jahren hier gewesen und habe höchsten Orts einen Plan einreichen lassen, vermöge dessen Sachsen viele Millionen zufließen sollen, sei aber mit keiner Resolution versehen worden; jetzt sei der letzte Zeitpunkt, da vielleicht dem Lande noch könne geholfen werden, es sei alles reif zu einer eben so großen Revolution in Deutschland als bisher in Polen vorgegangen und werde das Feuer im September ausbrechen, namentlich würden Sachsen für 5 Millionen landschaftliche Obligationen und Cammer-Credit-Cassen-Scheine aufgekündigt werden, von denen man wohl wisse, daß die Zahlung nicht sofort angeschafft werden könne«.
Eine Spekulation mit sächsischen Staatsanleihen war unmöglich, da nicht zu kündigen, weil die Tilgung per Gesetz über Ziehungen lief, was Wurmb ihm auch auseinandersetzte – es war sein Ressort. Schrepfer aber argumentierte, Wurmb wisse doch, »wie außerordentlich der Preis dieser Papiere seit einigen Messen in Leipzig gestiegen sei und könnte daraus leicht schließen, daß solche von Leuten aufgesucht worden wären, zu deren Unterstützung Armeen marschieren könnten, die sich an unsere Arrangements und an die feierlichsten Friedensschlüsse ebensowenig als in Polen kehren würden; es gebe jedoch noch Mittel, Sachsen zu retten, wenn man nur die Hände dazu bieten wolle und er sei von seinen Obern desfalls besonders an Ihro Königl. Hoheit, den Herzog von Kurland und an ihn gewiesen worden …«
An Wurmb verwiesen worden angeblich vom katholischen Kurfürsten von Mainz, Emmerich Joseph. Der Orden, wobei Schrepfer offen ließ, welcher, habe »große Capitalien in hiesige Landespapiere verwandelt«, er rechne dabei »auf preußische Protektion«, jedoch es »noch immer zweifelhaft sein möchte, ob es nicht das Beste sei, selbige in der Stille unter hiesigem Schutz gegen hinlängliche Sicherheit zu genießen«. Der Minister fand das nicht unwahrscheinlich.
Die Geisterzitationen im Kurländer Palais sind in die Literatur eingegangen. Bis auf wenige Skeptiker und bekannt kritische Beobachter, war jeweils fast der gesamte Hofstaat des Herzogs dabei. Bei Wilhelm von Kügelgen erzählt »Fräulein Lore«, wie Schrepfer einen Geist mit einem Brief nach Mitau schickt und nach dreißig Minuten die Antwort da war, oder über die Geistererscheinungen »fürstlicher Personen«, darunter Friedrich der Weise.

Das war eine glückliche Fügung für Schrepfer, allerdings mußte er sich schnell etwas Neues einfallen lassen. Der Minister von Wurmb hatte nämlich am 17. Juni einen besorgten, aber freundlichen Brief nach Leipzig geschickt, der als kleinen Wink im Anhang aus einem Vertragsentwurf Schrepfers zitierte:

»1) Die Gelder sollen allezeit in der Schweiz ausgezahlet werden.
2) Nie soll jemand darnach fragen woher sie kommen.
3) Ihro Königl. Hoheit der Herzog Carl sollen 3. Jahr hinter einander alle Jahre 16000 Thlr. erhalten; nach Verfließung dieser drey Jahre soll die Summe verstärckt werden; Es wird aber Ihro Königl. Hoheit gebeten jedes Jahr zweymal in der Loge zu erscheinen, und alle Anwesende ernsthaft zur Tugend und Rechtschaffenheit anzumahnen.
4) Ihro Excellenz dem Herrn Minister von Wurm werden drey Jahre 6000 Rthlr. ausbezahlt werden; nach Verfließung derselben soll die Summa verstärket werden; hiergegen werden Ihro Excellenz gebeten, zu gewissen Zeiten in der Loge zu erscheinen und die Gesellschaft zur Tugend und Rechtschaffenheit aufzumuntern, die denenselben anvertraute Geheimnisse einzig und allein für sich zu behalten …«
Friedrich Ludwig von Wurmb hatte inzwischen die »Schatzkisten« aus Frankfurt am Main kommen lassen. Am 15. September wurden sie in Leipzig geöffnet.

Wie man eine Staatsaffäre vertuscht

Johann Georg Schrepfer mußte leider kurzfristig nach Schkeuditz reisen und konnte den großen Moment in der Wohnung DuBoscs, der »Großen Feuerkugel« am Leipziger Neumarkt, nicht miterleben. Kurz hinter Schkeuditz war übrigens die preußische Grenze …
So machten sich der Minister Friedrich Ludwig von Wurmb, der Advokat Johann Heinrich Hoffmann, der Kaufmann François DuBosc und dessen Sohn Daniel Heinrich voller Erwartung an die Öffnung der fünf Pakete. Ein Protokoll wurde verfaßt, und zwar derart, daß es auch für Außenstehende, die es eventuell zu lesen bekämen, unverfänglich war:

Protokoll zur Öffnung der Schrepferschen Kisten (Stadtarchiv Leipzig)
Protokoll Öffnung der Schrepferschen Kisten (© Stadtarchiv Leipzig)

Man erwartete darin, in fünf Kisten!, ein »Königlich französisches Patent«, das Schrepfers Identität als Oberst Stein von Steinbach bestätigte, weil »Ihre Königliche Hoheit der Herzog von Curland« dem »Königlich französischen Charge d’ Affaire [de Marbois] zu Dresden« sein Wort gegeben hatte, daß mit Schrepfers Patent alles in Ordnung sei und er sich um die Beschaffung des Dokuments bemühe. Aber – »es fand sich zu aller Verwunderung kein Königl. französisches Patent«.

Es ging um die wichtigste Pokermasse Schrepfers, die ziemlich weitsichtig in Frankfurt am Main deponierten und versiegelten Pakete mit dem angeblichen Schatz im Wert von Millionen Talern in sächsischen »Cammer-Credit-Cassen-Scheinen«, Wertpapieren. Darauf und im Blick auf die gigantischen Gewinne wurden ihm hohe Geldsummen geborgt bzw. vorausgezahlt, insgesamt im heutigen Wert von bald einer Million Euro. Die vier Spekulanten werden es wohl geahnt haben; ein Schock wird es trotzdem gewesen sein: In den »Paqueten« waren »blecherne Capseln und Schachteln mit feinem Sande, und in den größten Hagelsteine eingepackt … Privat Briefe und zum Theil ganz nichts würdige Chartequen so nicht einmal weiter durch gesehen zu werden verdienten … weiße Wäsche und Strümpfe … eine Menge weißes Postpapier, und in den dritten ein noch größeres Paquet weiß Schreibpapier … einige Plans und geheime Aufsätze nebst einem von mir, dem Conferenz Minister von Wurmb in Dresden, an Schröpfern abgelassenen sehr ernsthaften und nachdrücklichen Schreiben … Sämmtliche Pakete wurden hierauf wiederum unter allerseits endesunterschriebenem Siegel genommen, und bey mir den Cammerrath du Bosc zu weiterer Nachfrage deponirt; der ganze Vorgang aber zur Nachricht und Warnung aufgezeichnet«. (© Förster, Erstveröffentlichung)

Es muß ein bitterer Tag für die Zocker gewesen sein. Den Hochstapler und Schwindler anzeigen und die Sache den Gerichten übergeben, war nicht möglich. Die Gerichte, und dort saßen nicht nur Ordens-Netzwerker, würden langwierige detaillierte Untersuchungen anstellen, wobei herauskäme, daß an der Spitze der Geprellten der Herzog von Kurland stand, ein Wettiner, Sohn des letzten Kurfürsten Friedrich August II., der Schrepfer zudem vor dem französischen Gesandten geschützt hatte.
Mit von der Partie war der sächsische Konferenzminister von Wurmb, in dessen Ressort eigentlich der Schutz der Staatspapiere fiel, deren angebliche Spekulationserlöse außerdem noch auf einer Schweizer Bank deponiert werden sollten. Wie viele Adelspersonen aus dem Hofstaat Kurlands eventuell noch darin verwickelt waren, würde sich auch zeigen. Und der Kurfürst Friedrich August III. wie auch eine hämische Öffentlichkeit, würden schnell erfahren, was für ein Ordens- und Geheimbündlernetzwerk Hand in Hand mit den erzkatholischen Gold- und Rosenkreuzern im protestantischen Sachsen und anderen deutschen Ländern am stillen, politisch gefährlichen Wirken war.
Schrepfer hat das natürlich gewußt, vielleicht sogar einkalkuliert, womöglich, um sich für die Demütigungen durch den Herzog zu rächen. Er mußte also nicht der Schulden wegen über die preußische Grenze verschwinden, und sich auch nicht umbringen. Aber er hatte überzogen.
Die Runde in der »Großen Feuerkugel« schloß also die Pakete wieder, nichts davon drang nach außen. Drei Wochen lang blieb es still um Schrepfer und die Wurmb-Truppe.
Am 7. Oktober 1774, einem Freitag, versammelten sich in Schrepfers Haus im Leipziger Barfußgäßchen (heute: Grundstück »Zill’s Tunnel«) am Abend der Kammerherr von Bischoffswerder, der Kammerherr und Kriegsrat Christian Friedrich von Hopfgarten, die Görlitzer Kaufleute Fröhlich und Petri, und der Leipziger Advokat Johann Heinrich Hoffmann.
In den Vernehmungsprotokollen gleich nach Schrepfers Tod berichten drei Beteiligte, daß sie im Freundeskreis zu Abend gegessen hätten bis 1 Uhr nachts, bei Punsch und in heiterer Stimmung. Die Dresdner Kammerherren von Bischoffswerder und von Hopfgarten sind nicht vernommen worden; die unterstanden nicht der hiesigen Gerichtsbarkeit. Petri und Hoffmann hätten gleich in Schrepfers Haus übernachtet – Johann Heinrich Hoffmann wohnte allerdings nicht einmal 80 Meter entfernt in seinem Haus »Zum Goldenen Herz« an der Straßenbiegung der Fleischergasse.
Alle sechs hätten sich für 5 Uhr am Morgen zu einer »Promenade« im Rosenthal verabredet. Am 8. Oktober ging die Sonne allerdings erst 6.27 Uhr auf, der Viertelmond erst am Vormittag. Das heißt, es war stockdunkel, und man mußte auch noch dem Torsteher am Rosenthaltor zwei Groschen geben, damit sie hinausgelassen wurden. Bischoffswerder wiederum schrieb schon morgens 6 Uhr – gleich nach Schrepfers Tod – einen Brief an den Herrn von Wurmb, der am gleichen Tag ganz zufällig von seinem thüringischen Gut kommend durch Leipzig zurück nach Dresden reiste. »… Die Händler Froehlich und Petre nahmen mich am frühen Morgen mit ihm mit nach Gohlis, wo er uns auf dem Weg etwas mitteilen würde.« (Brief hier erstmals veröffentlicht, siehe Anhang)
Nach diesem angegebenen Zeitplan mußte die Wandergruppe gerannt sein. Gegen 5.30 Uhr war Schrepfer tot, man brachte ihn gleich ins Lazarett nahe am Rosenthaler Elstermühlgraben, und 6.00 Uhr wurden schon in der Innenstadt die ersten Protokolle aufgenommen. Die Grundzüge waren offenbar abgesprochen, im Detail aber variieren sie erheblich: Laut Bischoffswerder, der sich gleich nach dem Schreiben auf den Weg nach Dresden machte, ging Schrepfer im Rosenthal voraus: »Nach einem kleinen Stück des Wegs zusammen im kleinen Wald bat er uns einen Moment zu warten und zog sich zurück … ein Wutanfall.« Dann hörten sie einen Pistolenschuß.
Der zuerst vernommene Anwalt Johann Heinrich Hoffmann aber sagt zunächst aus, Schrepfer wäre hinter den anderen zurückgeblieben. Petri gibt zu Protokoll, er hätte gar nichts sehen können, weil er ungünstig stand, und für Fröhlich hätte Schrepfer seine Jünger »mit der Anrede: Meine Freunde, warten heisen, wäre in der Alleé hin, bis hinter dieselbe gegangen, gleich aber wieder zurück gekommen, … worauf er abermahls die Alleé hin und hinter selbige gegangen, worauf sie in einigen Augenblicken einen Schuß« hörten.
Die Obduktion Schrepfers wurde noch am gleichen Tag im Lazarett am Rosenthal vorgenommen; der Bericht in den Akten des Leipziger Stadtarchivs vermerkt allerdings: »ps: den 22ten Octbr. 1774«. Ist er noch einmal »überarbeitet« worden?
Der Leipziger Rechtsmediziner Dr. med. Carsten Hädrich hat für das vorliegende Buch freundlicherweise ein Gutachten zum Obduktionsbericht erstellt (s. Anhang). Darin heißt es u.a.: »… Ungewöhnlich ist der Einschuss im Mundvorhof – und nicht in der Mundhöhle. Denkbar wäre hier ein gewaltsames Einführen der Waffenmündung zwischen den Lippen durch eine fremde Person, wobei ein aktives Aufeinanderpressen der Kiefer (Abwehrverhalten des Opfers) das Eindringen der Waffe in den Mund verhindert hat. Ob typische Festhalte- oder Fesselspuren an den Armen vorlagen, die für eine Fixierung des Opfers sprechen könnten, ist dem Sektionsbericht nicht zu entnehmen …«
Man hat also mit hoher Wahrscheinlichkeit nachgeholfen. Ein Selbstmordanwärter wird nicht die Zähne zusammenbeißen, wenn er sich in den Mund schießen will. Und der Schuß in den Mund steht seit alten Zeiten symbolhaft für Schweigen.
Eugen Sierke war mit seinem Aufsatz von 1874 (wörtlich übernommen vom Leipziger Gustav Wustmann für die Deutsche Biographie) der erste Schrepfer-Autor, der teilweisen Einblick in die Stadtakten nehmen durfte. Am Obduktionsbericht fand er nichts Besonderes. »Der Sectionsbefund liegt den Acten bei, enthält aber nichts von besonderem Interesse …« Er hat wohl keinen Mediziner zu Rate gezogen, der das Ärzte-Latein übersetzt hat.
Schrepfer wurde noch am Tag seines Todes begraben: »Ist nach vorgängiger Communication mit der Raths-Stube resolviret worden, daß der Schröpfferische Cörper auf den am Rosenthale gelegenen Lazareth-Gottesacker an der Seite in der Stille eingescharrt werden solle, welches in solcher Maase geschehen. George Wilhelm Büttner, Grschrbr.«

Das Rosenthal auf einem Stich von 1788 • Kreis: Wahrscheinlicher Bereich der Geschehnisse • Lazarettfriedhof: Schrepfers Begräbnisort
Das Rosenthal auf einem Stich von 1788 • Kreis: Wahrscheinlicher Bereich der Geschehnisse • Lazarettfriedhof: Schrepfers Begräbnisort (Begräbnisplatz der Selbstmörder), heute: Katholische Kirche von 1984

Hinter dem Lazarett am Rosenthal lag der Friedhof, ein Stück weiter war später ein Massengrab der Völkerschlacht 1813. Auf diesen Gräbern steht seit 1984 die römisch-katholische Probsteikirche St. Trinitatis. Die Kirchenmännern wußten um den etwas fragwürdigen Standort des Neubaus – vielleicht hat man deshalb die neue Propsteikirche gebaut, ausgerechnet gegenüber vom Leipziger Neuen Rathaus (weil die Geschichte des alten Standorts auf Massengrab und Selbstmördern mit dem Buch über Schrepfer öffentlich geworden war …?). –
Die gerichtliche Untersuchung von Schrepfers Tod nahm ein jähes Ende. Der sächsische Kurfürst Friedrich August III. ließ sich »das bey denen Stadt Gerichten vorhandene Paquet Johann George Schröpfern angehende Briefe« nach Dresden schicken, und der »Herzog von Curland hat sich alle Akten kommen lassen zur Einsicht …«
Die Akten sind zwar zurückgekommen, nicht aber die Briefe, und der verräterische Brief von Wurmb an Schrepfer mit den Ausschüttungen vom Schweizer Konto fehlte auch. In Dresden hatte man nicht mit pfiffigen Leipziger Gerichtsschreibern gerechnet: Es gibt bis heute eine Abschrift.
Die Akte Schrepfer im Leipziger Stadtarchiv endet mit einer lakonischen Bleistiftnotiz hundert Jahre später: »Am 18. August 1874 u. die folgenden Tage sind über das Vorhandensein der vorstehenden erwähnten Briefe die umfassendsten Erörterungen angestellt worden; die Briefe haben sich indeß nirgends vorgefunden. Nachr. Kühner«
Der Brief des Ministers von Wurmb an den Kurfürsten hatte die gewünschte Wirkung: Die Untersuchung wurde gestoppt. Und das trauliche Zusammensein am Abend des 7. Oktober 1774 bei Schrepfer wird also auch anders verlaufen sein. Man hat ihm offensichtlich dringend nahegelegt, Selbstmord zu begehen. Als er sich’s doch anders überlegen wollte, half man nach. Zu viel stand auf dem Spiel.

Johannes Rudolph von Bischoffswerder muß noch im Herbst 1774 aus Dresden verschwinden; er geht ins preußische Schlesien. 1776 ist er in Berlin und Potsdam und beeinflußt schließlich gemeinsam mit Johann Christoph von Wöllner über eine Rosenkreuzerloge und Geisterbeschwörungen den sehr schlichten König Friedrich Wilhelm II., und damit die preußische Politik. Die Hauptakteure im Fall Johann Georg Schrepfer – Friedrich Ludwig von Wurmb, Johann Heinrich Zimmermann, Johann Heinrich Hoffmann und François DuBosc – leiteten in Sachsen wenige Jahre später Zirkel der Gold- und Rosenkreuzer. DuBosc, Hoffmann, Fröhlich und Zimmermann gehörten 1776 zu den Gründern der neuen Leipziger Loge »Balduin«. Drei Wochen danach entstand die Gesellschaft »Harmonie«.

© Text stark gekürzt nach dem Buch von Dr. Otto Werner Förster: »Tod eines Geistersehers, Johann Georg Schrepfer«, Leipzig 2011, Taurus Verlag Leipzig

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