Der andere Luther. Die andere Reformation.

      

Luther                          Menno Simons                           Müntzer

Es sind die frühen Jahre der Reformation auf kaum bekannten »Nebenwegen«, mit Luther und Karlstadt, der eigentlich Andreas Bodenstein heißt und aus dem fränkischen Städtchen Karlstadt am Main kommt. Ein paar Jahre zuvor – 1519 – ziehen sie noch gemeinsam und mit großem Gefolge durch das Grimmaische Tor in Leipzig ein, zur berühmten Disputation. Luther mit Philipp Melanchthon und dem Rektor der Wittenberger Universität. Karlstadt ist Dekan der Wittenberger Universität, er hat Luther zum Doktor der Theologie promoviert. Und er bestreitet auch die ersten sieben Tage der Disputation mit dem Ingolstädter Dr. Johann Mair, der sich Eck nennt. Sie findet in der viel kleineren alten Pleißenburg, nördlich des heutigen Neuen Rathauses statt, die im Schmalkaldischen Krieg 1547 zerstört wird.

Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt

Die reformatorischen Ideen beginnen sich vor allem über die zunächst u.a. bei Melchior Lotter in der Leipziger Hainstraße schnell gedruckten Flugblätter auszubreiten. Im albertinischen Sachsen werden die Lutheranhänger noch zwei Jahrzehnte durch Herzog Georg verfolgt. Bei Friedrich dem Weisen im ernestinischen Wittenberg läßt man sie gewähren. Er ist bedächtig, wenn auch skeptisch gegenüber der neuen Lehre. Über Jahre hat er zahllose Reliquien gesammelt, die ihm gut 100.000 Jahre Ablaß einbringen. Georg Spalatin, später in Altenburg, ist sein Berater, und er erklärt dem Kurfürsten die theologischen Fragen und Luthers Haltung plausibel. Zurück in Wittenberg, beginnt die zunehmende Entfremdung zwischen Luther und Karlstadt. Der fordert die Erfüllung des göttlichen Willens schon im irdischen Leben.

Martin Luther steht am 17. April 1521 vor dem Reichstag in Worms und soll widerrufen. Er tut es nicht. Luther fordert Gewissensfreiheit. Das bringt ihm die Reichsacht ein, er ist nun »vogelfrei«. Um ihn zu retten, läßt Kurfürst Friedrich der Weise ihn auf dem Rückweg abfangen und auf die Wartburg bringen.

»Mein Gewissen ist in den Worten Gottes gefangen, ich kann und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.« Bei anderen läßt er Gewissensfreiheit aber nicht gelten …

Während Luthers Abwesenheit werden in Wittenberg schnell religiöse Reformen umgesetzt. Mönche verlassen das Kloster, Priester heiraten, die Beichte wird unnötig im Gottesdienst gibt es weitreichende Änderungen. Karlstadt richtet an den Wittenberger Rat eine Schrift mit sozialen Forderungen und großen Folgen: »Von Abtuhung der Bilder / Und das keyn Bettler unther den Christen seyn soll«.

Der Stadtrat von Wittenberg erläßt am 24. Januar 1522 eine reformatorische Ordnung, formuliert vor allem von Karlstadt. Der Kirchen- und Klosterbesitz solle Gemeingut werden, für die »Armen und Schwachen« daraus eine Unterstützungskasse entstehen, auch »sollen die Bilder und Altäre in der Kirche entfernt werden, um Abgötterei zu vermeiden, drei Altäre ohne Bilder sollen vollauf genügen«. Die Bevölkerung nimmt sie beim Wort, im Februar kommt es in der Wittenberger Stadtkirche zum »Bildersturm«, mit tumultartigen Szenen und sozialen Forderungen. Dem Rat wird es unheimlich, man schickt einen Boten zu Luther auf die Wartburg.

Luther kommt zurück und predigt im März 1522 gegen Karlstadts Ansichten und seine Reformen. Karlstadt darf nicht mehr predigen, seine Schriften werden zensiert und beschlagnahmt. Andreas Bodenstein verläßt enttäuscht Wittenberg und die Universität und geht auf sein Gut bei Wörlitz. Der inzwischen Verheiratete nennt sich »Bruder Andres« und wird Bauer.

Schleierturm auf der Leuchtenburg

Zur gleichen Zeit beginnt es unter der Bevölkerung Ostthüringens, den selbstbewußten Tuchmachern, Ackerbürgern und Weinbauern, zu gären. Im mittleren Saaletal von Jena über Kahla und Orlamünde bis Neustadt an der Orla meint man, mit der Reformation und Luthers nachdrücklichem Bezug auf die Bibel würden auch die unwürdigen Zustände abgeschafft. Gerechtigkeit und Gewissensfreiheit sind gemeint, wie sie Luther für sich in Anspruch nimmt. Das Ausmaß der Fronarbeit für verschiedenste kirchliche und adlige Herren gleichzeitig nimmt ständig zu, so wie deren unchristliche Lebensweise. Andreas Bodenstein ist seit 1510 formell Pfarrer in Orlamünde. Die Pfarrkirche dort ist von Friedrich dem Weisen gestiftet. Auch in Kahla mit seinen gut 900 Einwohnern stellt man im Februar 1523 die Zahlungen an die Kirche ein. Frondienste werden verweigert, oder man schickt Kinder und Alte und rechnet mehrfach ab. In Orlamünde schlachtet man gar die Schafe des Wolf von Eichenberg, weil sie auf ihren Wiesen grasen.

Ein Fall für die Obrigkeit. Amtssitz der Landesherrschaft für Kahla, Roda und Orlamünde ist die Leuchtenburg. Der Amtsverwalter schickt vierzehn »Häscher« los, um die »Pfaffenstürmer« zu suchen. Sieben fängt man ein, steckt sie in die Türme der Leuchtenburg, die mit großem Aufwand ausbruchsicher gemacht werden. Im März werden die Gefangenen vom Scharfrichter im Beisein von Adligen, dem Klostervorsteher und dem Kahlaer Bürgermeister »peinlich befragt«, das heißt gefoltert.

Im Juni 1523 übernimmt Andreas Bodenstein im 500-Einwohner-Ort Orlamünde mit Billigung Friedrichs des Weisen sein Amt als Pfarrer. Er bewirtschaftet nun zum Lebensunterhalt seinen Acker mit der Familie wie alle. Einer von ihnen will er sein, kein Lehrmeister und Besserwisser.

Karlstadts Variante der Reformation basiert auf dem Laienchristentum. Das liest er aus der gleichen Bibel, die von Luther ganz anders ausgelegt wird. Glaubenserkenntnis im gemeinsamen Gespräch, Entfernung der Bilder, keinen Kirchenzehnt mehr für den Prediger, Gewaltfreiheit. Die Ablehnung der Kleinkindtaufe, weil ein Kind noch unschuldig ist und nicht von der Erbsünde betroffen, ist ein Punkt unter vielen. Auch die Unabhängigkeit von jeder Obrigkeit, was Trennung von Staat und Kirche bedeutet. Luther und Philipp Melanchthon prägen für diese Christen die Schimpfworte »Wiedertäufer«, »Schwarmgeister«, »Rottengeister«. Für Luther ist das eine Machtfrage.

Als Luther 1524 mit Begleitung durch Thüringen reist, um der ausgreifenden »Unordnung« entgegenzuwirken, will er zunächst in Kahla »Von der Duldung der Bilder« predigen. Es wird für ihn Fiasko und Demütigung. Die Bürger halten es mit Karlstadt. Auf dem Weg zur Kanzel liegt ein in seine Einzelteile zerschlagenes Kruzifix, Hände, Füße und Kopf, als offene Provokation. Eine Station seiner Reise ist das aufmüpfige Orlamünde. Hier predigt er nicht, sondern tritt in der aufgeladenen Atmosphäre einer Gemeindeversammlung am Markt auf. Karlstadt hat er zuvor mit harschen Worten aus dem Saal gewiesen. Die aufgebrachten Bürger widersprechen Luther, attackieren den »Verräter am Evangelium« mit Bibelstellen und Beschimpfungen.

Luthers Abgang ist eine Flucht, Steine fliegen auf der Straße mit dem Spruch: »… Fahr hin in tausend Teufels Namen, dass du den Hals brächest, ehe Du zur Stadt hinaus kommst«.Von da an ist die Gegend für ihn ein rotes Tuch, ein gefährlicher Hort des Bösen. Das ist der Beginn einer grausamen Verfolgung der »Bilderstürmer« und der »Wiedertäufer«. Für Luther ging es um die Deutungshoheit, um Wortführerschaft und Machtanspruch, für die Landesherren um weltlichen Machterhalt.

Die von Luther gegen den ehemaligen Weggefährten und Reformator Thomas Müntzer eingeleitete Aktion führt im September 1524 auch zur Ausweisung Karlstadts aus dem ernestinischen Kursachsen. Er lebt später in Norddeutschland und ab 1530 in der Schweiz, wo er als Universitätsprofessor und Prediger 1541 in Basel stirbt.

Nun hat Luther kaum noch ernstzunehmende Konkurrenten im Land. Die Hatz auf Abweichler in Glaubensfragen läuft in ganz Thüringen mit massiver Unterstützung des neuen Landesherrn, des Kurfürsten Johann an. Es gibt Prozesse gegen »Täufer« aus Eisenach, Herda, Berka, Gerstungen, aus Langula, Tüngeda und Craula. Am 18. Januar 1530 werden sechs Frauen und Männer in Reinhardsbrunn hingerichtet, weil sie bei ihrer christlichen Überzeugung bleiben. Die ersten Todesurteile einer lutherischen Obrigkeit. Philipp Melanchthon schreibt, in Abstimmung mit Luther:

»Ich war anfangs von einer törichten Milde befangen. Waren doch auch andere der Ansicht, daß Ketzer nicht mit dem Schwerte zu vertilgen seien. Jetzt reut mich diese Milde nicht wenig. Deshalb ist in betreff derer, die zwar keine aufrührerischen, aber doch offenbar gotteslästerliche Artikel haben, meine Meinung, daß die Obrigkeit sie zu töten schuldig ist. Was die Wiedertäufer betrifft, haben wir folgendes Urteil gefällt: Da sie eine teuflische Sekte bilden, so sind sie nicht zu dulden, denn sie zerrütten die Kirchen und haben doch selber keine gewisse Lehre. Es ist daher diese Sekte nichts anderes als eine Verwirrung der Kirchen, weil sie offen das Predigtamt verwirft. Wir haben beschlossen, die Halsstarrigen mögen getötet werden …«

Die Leuchtenburg wird zu einem bevorzugten, ausbruchsicheren Gefängnis ausgebaut. Hans Schleier, ein Leineweber aus Riethnordhausen, der schon 1525 aufgefallen ist, als er mit Thomas Müntzer in Mühlhausen öffentlich disputierte, wird im April 1535 in Weimar verhaftet. Er weigert sich, sein Kind vom Ortspfarrer taufen zu lassen. Mit einem anderen Delinquenten, Klaus Heiligenstedt, bringt man ihn wegen »Wiedertäuferei« auf die Leuchtenburg. Alle Öffnungen im Turm werden in der unteren Etage vermauert, auch die Treppe. Als Zugang bleibt nur ein Loch im oberen Gewölbe. Dort wird der Gefangene jeweils zur Befragung und zur Folter an einem Strick hochgezogen. Hans Schleier versucht auszubrechen und verliert fast seinen Arm durch den bewachenden Landsknecht. Er bleibt 29 Wochen im Turm, seitdem der Schleierturm genannt. Im Januar 1536 wird er im Beisein Melanchthons, eines Wittenberger Theologen, des Jenaer Stadtpfarrers und des Schössers, also Steuereinnehmers, in Jena verhört. Hans Peißker und zwei weitere Täufer widerrufen auch unter der Folter in Jena nicht. Auf Melanchthons Rat hin mit dem Segen Luthers werden sie am 26. Januar 1536 geköpft …

Melanchthon hat sehr viele Todesurteile unterzeichnet. Ausmerzen kann man die Täufer nicht. Auch nicht in der Schweiz des Reformators Zwingli. Dort werden sie geköpft, ertränkt, erwürgt. In katholischen Ländern verbrennt man diese Abweichler. Insgesamt sind mehr als 2.000 Hinrichtungen dokumentiert. Die Überlebenden, seit 1544 »Mennoniten« genannt nach dem friesischen Theologen Menno Simons, wandern aus. Nach Rußland, nach Polen, in die Ukraine, später nach Nordamerika. Hier ist der Ursprung heutiger Freikirchen.

Die Vollversammlung des Lutherisches Weltbundes bittet 2010 – fast 500 Jahre nach dem reformatorischen »christlichen« Wüten – in Stuttgart die Mennoniten um Vergebung für die lutherische Mitschuld an der Täuferverfolgung im 16. Jahrhundert. Und am 18. Januar 2013 spricht Christoph Matschie, evangelischer Theologe und Thüringer Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur, in der Stadtkirche Waltershausen zur Eröffnung des Themenjahrs »Reformation und Toleranz«. Unterhalb der Wartburg hatte man einige Jahre zuvor das Skelett des Täufers Fritz Erbe gefunden, zehn Jahre unter der Erde Gefangener auf der Wartburg, bis zu seinem Tod 1548:

»Reformation und Toleranz: passt das denn zusammen? Die erste Antwort ist: Nein. Luther und seine Weggefährten waren nicht tolerant. Die Gewissensfreiheit, die Luther vor dem Reichstag in Worms für sich in Anspruch nahm, ließ er nicht für alle anderen gelten. Nicht für die Täufer. Nicht für Katholiken. Und auch nicht für Juden oder Moslems. Toleranz muß immer wieder erarbeitet werden. In der Geschichte der Toleranz haben die Vertreter der Reformation keine Heldenrolle gespielt …«

Der ewige Mönch Luther war auch begeisterter Anhänger der Hexenverbrennungen: »Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird, sie können nämlich Milch, Butter und alles aus einem Haus stehlen … Sie können ein Kind verzaubern … Schaden fügen sie nämlich an Körpern und Seelen zu, sie verabreichen Tränke und Beschwörungen, um Hass hervorzurufen, Liebe, Unwetter, alle Verwüstungen im Haus, auf dem Acker, über eine Entfernung von einer Meile und mehr machen sie mit ihren Zauberpfeilen Hinkende, dass niemand heilen kann … Die Zauberinnen sollen getötet werden, weil sie Diebe sind, Ehebrecher, Räuber, Mörder … Sie schaden mannigfaltig. Also sollen sie getötet werden, nicht allein weil sie schaden, sondern auch, weil sie Umgang mit dem Satan haben.« (Luthers Predigt vom 6. Mai 1526, WA 16, 551f. gegen die Hexen)

Im derzeitigen Reformationsjahr wird heftig gejubelt und Marketing betrieben, die ahumanen, barbarischen, unchristlichen Seiten Luthers blendet man bewußt aus. – Dennoch war die Reformation wichtig: auch für die Bildungsentwicklung; sie hat zum Aufklärungsjahrhundert geführt, vor allem auch in Leipzig …

Otto Werner Förster

(Gekürzte und veränderte Fassung eines Rundfunkbeitrags)

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