Christian Theodor Thomasius

(*01. Jan. 1655 Leipzig, † 23. Sept. 1728 Halle)

»Wer die Wahrheit liebt, kümmert sich nicht um den Haß, ihm ist die Wahrheit selbst ein Schild«. Thomasius, 1724.

Christian Thomasius war ein Selbstdenker, wie Gottfried Wilhelm Leibniz in Leipzig geboren. Die alte Wissenschaftlerdynastie der Familie Thomas und ihr Vermögen machten ihn wirtschaftlich unabhängig. Sein Vaterhaus stand in der Klostergasse, hinter dem Durchgangshof Markt 10, noch im späten 18. Jh. das »Thomasiusische Haus« genannt.

Er besucht die Nikolaischule, studiert zunächst Philosophie in Leipzig und Jura in Frankfurt an der Oder, und wird mit 17 Jahren Magister, mit 24 Doktor der Rechte. Thomasius praktiziert als Anwalt, hält Vorlesungen – und stört die Ruhe beschränkter Kollegen, die sich so schön eingerichtet haben im Staats- und Stadtgefüge. Mit unverschämten Forderungen nach Toleranz z. B., nach einer Trennung von Staat und Kirche, gegen das Verbot konfessioneller Mischehen. Seine Streitschriften sind selbstbewußt, grob und witzig. Zudem kommt er selbst zu Vorlesungen nicht etwa im Talar, sondern in modischer Kleidung mit umgeschnalltem Degen. Und er hält am 31. Oktober 1687 die erste Vorlesung in deutscher Sprache, wo man sich doch die letzten Jahrhunderte mit Latein vor dem Verstehen durch den »Pöbel« geschützt hatte.

Eine populärwissenschaftliche Zeitschrift, die »Monatsgespräche«, bringt ihm die Aufmerksamkeit auch in nicht-akademischen Kreisen, ein früher Journalist. Die Luft hier wird allerdings dünn für ihn, als er gegen den Leipziger Theologen und Hexenverfolger Johann Benedict Carpzov anschreibt. Samuel Pufendorf, bekannter Philosoph, begeistert sich in einem Brief, Thomasius habe

»das harthäutige Tier Carpzov mit der Mistgabel gekitzelt«.

Man findet einen Vorwand, um ihn loszuwerden. Nach Intervention beim sächsischen Kurfürsten erläßt der Leipziger Schöppenstuhl Spruch und Hafturteil gegen ihn. Christian Thomasius wird 1690 in Brandenburg mit offenen Armen empfangen und baut die Universität Halle mit auf. 1703 geht er in 56 »Lehrsätzen« gegen den Hexenwahn vor. Der war kein rein katholisches Hobby. Auch Luther glaubte an den leibhaftigen Teufel, an Polter- und Wassergeister und predigte die Hexenverfolgungen, die Tausenden das Leben kosteten. Thomasius’ kleine Schrift war der Anfang vom Ende der »christlichen« Massenschlächterei. Der Preußenkönig Friedrich der Große meinte:

»Seit Thomasius können die alten Frauen in Frieden sterben«.

Leipzig hätte eine Stadt der Philosophen werden können, mit jenen, die am Beginn der deutschen Aufklärung standen: Pufendorf, Leibniz, Thomasius, Wolff. Eine nicht zu Ende gebrachte Reformation, das geistige Klima an der Universität und die orthodoxen Theologen haben es verhindert.

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