1989. Die Große Implosion. Wie Herr Kohl den Volkszorn für seine Wiederwahl nutzte …

1989. Die Große Implosion

Wie Herr Kohl den Volkszorn für seine Wiederwahl nutzte …

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Der schöne Slogan, im Frühherbst 1989 wahrscheinlich von einem Universitätsangehörigen oder einem anderen belesenen Mitbürger auf ein Transparent der Leipziger Montagsdemo gebracht, wird inzwischen von allen möglichen Gruppierungen mißbraucht. Im Jahre 2002 wollten der Leipziger Oberbürgermeister und der Nikolaikirchenpfarrer – der übrigens während der Demos, als es noch gefährlich war, nie vor seine Kirchentür gegangen ist – den Slogan als Wortmarke schützen lassen, um weiteren »Mißbrauch« zu verhindern. Ehrenwerte Idee, aber blauäugig; ein wenig Bildung wäre für Amtsträger gelegentlich hilfreich: Der Slogan steht gedruckt in Georg Büchners Stück (in bösem Zusammenhang) »Dantons Tod« von 1835, und der Dichter Ferdinand Freiligrath nimmt ihn 1848 im Zusammenhang mit den revolutionären Ereignissen wieder auf in seinem Gedicht »Trotz alledem«. Wahrscheinlich gibt es auch noch frühere Quellen.

Im September 1989 waren es ein paar hundert Menschen, die neben der Nikolaikirche warteten, daß es um den Leipziger Ring ging. In der Kirche, zum Friedensgebet, saßen natürlich Christen, aber auch Stasi, zusammengetrommelte Genossen u.a. In den Seitenstraßen, am Ring, hinter Bauzäunen standen Bereitschaftspolizisten, Polizisten mit Hunden (mit Beißkorb) und Kampfgruppen. Begonnen hatte es schon in den frühen 1980er Jahren, als Mitglieder der Jungen Gemeinde Aktionen zu »Schwerter zu Pflugscharen« organisierten, gegen die Raketenaufrüstung in Ost und West.

Kaum einer der frühen Demonstranten 1989 wollte so schnell wie möglich in den Westen: Man wollte die alten, verbohrten, ungebildeten Männer im Regierungsapparat und die schlichten Mitmacher, Schönredner, Abducker los werden, die Mißwirtschaft, die ewige Gängelei der Partei (es gab fünf davon in der DDR: SED, CDU, LDPD, Bauernpartei, NDPD, die sich eng an die Staatspartei anschmiegten), und natürlich Reisefreiheit – und aus dem alten mitteldeutschen Bildungsland mit seinen großen Potenzen etwas machen.

Die Illusion war bald vorüber. Helmut Kohl wollte wiedergewählt werden. Er beauftragte Horst Köhler und Thilo Sarazzin, mit entsprechenden Aktivitäten den ostdeutschen Volkszorn für sich nutzbar zu machen. Eine eigens gegründete Agentur setzte das um: Nach dem 9. November wurden vor allem in Dresden und Leipzig aus in Seitenstraßen abgestellten VW-Bussen Transparente an dicken Bambusstangen und schwarz-rot-goldene Fahnen ausgeladen und verteilt. Solche Bambusstangen gab es nicht in der DDR und auch nicht die Fahnen usw. (Vgl. Otto Köhler [Hamburger Journalist], Die große Enteignung, Berlin 2011)

Als es ungefährlich wurde auf den Straßen, waren es schließlich Hunderttausende, Leipziger, aber vor allem Angereiste aus den kleineren Städten und Dörfern im weiten Umkreis. Inzwischen sind von 16 Millionen ehemaligen DDR-Bürgern gefühlte 20 Millionen »Widerstandskämpfer« gewesen … Und Politiker aus fernen Gegenden, die gar nicht dabei waren, wollen inzwischen ein weiteres millionenteures Denkmal – es gibt schon die Kirche selbst, die Säule (nachgebildet den klassizistischen in der Kirche) – und den Granitbrunnen, der ständig überfließt als ewige Mahnung an die jeweils Herrschenden …

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